Die Rechtschreibleiter im Förderunterricht der Grundschule

von Thomas Hawellek (Autor der Rechtschreibleiter)

Mit diesem Artikel möchte ich Ihnen einen Einblick geben, wie ich die Rechtschreibleiter im Förderunterricht der Grundschule einsetze.  

AusgangslagePraxisartikel: RSL im Förderunterricht Bild 1

Spätestens mit Ende des 2. Schuljahres kristallisieren sich jene Kinder heraus, die große Schwierigkeiten beim Erlernen und Behalten der bis dahin im Unterricht vermittelten Rechtschreibstrategien haben. Eine genauere Diagnostik ist nun sinnvoll, zum Beispiel mit den in der Rechtschreibleiter enthaltenen förderdiagnostischen Einstufungstests. Oftmals zeigt sich, dass diese Kinder die grundlegenden alphabetischen Strategien noch nicht sicher beherrschen. Wenn dann keine Förderung erfolgt, werden sich die Rechtschreibschwierigkeiten verfestigen. 
Mit der Rechtschreibleiter liegt ein Material vor, das sich dem Erwerb dieser basalen Strategien intensiv widmet. Das Förderkonzept besteht aus 16 aufeinander aufbauenden Lernstufen, von denen die ersten sechs Stufen (die grünen Stufen) ausschließlich dem lautgerechten Verschriften sogenannter Mitsprechwörter dienen. 
Durch die Arbeit mit diesem Material haben die Kinder die Chance, ihre Rückstände Schritt für Schritt aufzuholen. Eine kleine Lerngruppe von bis zu sechs Kindern bietet dafür die besten Voraussetzungen. 


Vorbereitungen eines Förderkurses mit der Rechtschreibleiter

Für die Förderung ist ein Raum ideal, in dem regelmäßig gearbeitet werden kann, in dem die Materialien übersichtlich und dauerhaft aufbewahrt werden können und der Platz für Bewegung bietet. 

Die Lernplakate mit ihren kurzen Merksätzen bieten den Kindern Struktur und optische Orientierung. Sie werden an der Wand oder an einer Wäscheleine im Raum dauerhaft aufgehängt. Mithilfe von Holzwäscheklammern, die mit Namen versehen an das entsprechende Plakat geheftet werden, können die Kinder erkennen, auf welcher Stufe sie gerade arbeiten.

Praxisartikel: RSL im Förderunterricht Bild 2
 
Zu jedem Plakat (zu jeder Stufe) gibt es verschiedene Materialien, die jeweils eine spezielle didaktische Aufgabe erfüllen. Die Materialien sind allesamt mit dem Piktogramm der jeweiligen Stufe versehen und werden am besten direkt unter dem entsprechenden Plakat platziert: 

  • Bild und Wortkarten 
  • Arbeitsblätter (Diese können bereits vervielfältigt in Klarsichthüllen gesteckt und nach Stufen getrennt in Ordnern aufbewahrt werden.)
  • Spielpläne und Spielfiguren 

Es empfiehlt sich, für jeden Schüler einen Schnellhefter in einer besonderen Farbe anzuschaffen, der im Förderraum aufbewahrt wird.

  

Die ersten Stunden

In den ersten Stunden geht es vornehmlich darum, den Kindern, die bisher unter ihren Misserfolgen im Bereich der Rechtschreibung gelitten haben, Erfolge zu verschaffen und sie dadurch zu motivieren, sich an das Thema Rechtschreibung heranzuwagen. Daher ist es durchaus sinnvoll, alle Kinder mit den einfachen mitzusprechenden Wörtern der ersten Stufe beginnen zu lassen. 

Vorab erhält jedes Kind den Schnellhefter, in den zuunterst das Lernprotokollblatt geheftet wird, damit es später immer leicht gefunden werden kann.

Praxisartikel: RSL im Förderunterricht Bild 3Im Zentrum der ersten Stunden steht in meinem Förderunterricht jedoch nicht das Schreiben, sondern das Silbentanzen und das Gliedern des Wortmaterials in Sprechsilben. Dazu werden die Bild- und später die Wortkarten verwendet. Jedes Kind zieht der Reihe nach eine Karte. Die Gruppe schwingt und „tanzt“ diese Wörter unter meiner Anleitung im Raum. In dieser Phase ist es wichtig, auch die „schüchternen“ Jungen zum Tanzen der Wörter zu motivieren, denn sie zeigen sich anfangs oft gehemmt. Haben sie sich aber einmal auf das Silbentanzen eingelassen, beherrschen sie es nach einigen Stunden immer mühe¬loser und machen dann auch entscheidende Fortschritte in den Schreibprozessen. 


Nach dem Silbentanzen foPraxisartikel: RSL im Förderunterricht Bild 4lgt das Tafelschreiben: Jedes Kind schreibt ein (selbst aus dem Stapel gezogenes) Wort an die Tafel und übt dabei das genaue und synchrone Mitsprechen. Hier muss ich oft sehr viel Energie aufwenden, damit dieses „Sprechschreiben“ gelingt, denn die rechtschreibschwachen Kinder haben sich in der Regel angewöhnt, zu schnell oder gar nicht mehr mitzusprechen, weshalb dann auch viele Buchstaben weggelassen werden.
Als Lehrkraft muss ich in dieser Phase unbedingt das richtige klangliche Sprachvorbild bieten und die richtige Sprechsilbengliederung bei jedem einzelnen Kind unterstützen. In dieser Phase lernen die Kinder voneinander.

Am Modell des Einzelnen können sie beobachten, wie der alphabetische Schreibprozess an der Tafel gelingt („Der Mund ist die Fernsteuerung für die Hand.“). Praxisartikel: RSL im Förderunterricht Bild 5

Im Anschluss an das Silbentanzen und das Tafelschreiben kann mit dem Spielplan gespielt werden. Dabei wird nicht nur das soziale Miteinander der Gruppe gefestigt („Wann bin ich dran?“, „Ich muss abwarten lernen.“, „Ich muss Rücksicht nehmen.“), sondern vor allem Motivation aufgebaut und die Strategie der Silbengliederung gefestigt. Eine Spielform besteht zum Beispiel darin, für jede Silbe einen Schritt vorwärts auf dem Spielplan zu gehen (also: Me-lo-ne: 3 Schritte vor).

Nach den ersten zwei bis drei Stunden dieser Art beziehe ich auch die Arbeitsblätter ein. Hier lege ich besonders Wert auf die Einführung grundsätzlicher Arbeitsstrukturen, damit die Kinder befähigt werden, später auch selbstständig mit den Arbeitsblättern umzugehen:
 Praxisartikel: RSL im Förderunterricht Bild 6

  1. Das Arbeitsblatt wird entsprechend der Arbeitsaufträge bearbeitet. In der Regel müssen den rechtschreibschwachen Kindern die Aufträge zunächst vorgelesen werden.
  2. Die Selbstkontrolle erfolgt, indem die Wörter mit Silbenbögen versehen und schließlich mit der beigefügten Wortschatzliste verglichen werden. 
  3. Die Lernwörter werden auf die leere Rückseite des Arbeitsblattes als Selbstdiktat geschrieben. Das ist eine wichtige Phase, die der Übung und Verinnerlichung der Schreib-weisen dient.

Mir ist es sPraxisartikel: RSL im Förderunterricht Bild 7ehr wichtig, von Beginn an auf die Einhaltung dieser Struktur zu bestehen. Die Kinder werden im Verlaufe der weiteren Stunden in unterschiedlichen Tempi voranschreiten und sollen mehr und mehr individualisiert mit den Materialien arbeiten.
Sobald ich einen deutlichen Lernfortschritt auf der jeweiligen Stufe beobachten kann, setze ich die Erfolgskontrollen der Rechtschreibleiter ein, mit denen sich der Lernzuwachs ermitteln lässt. Wurden die Aufgaben gelöst, erhalten die Kinder eine Urkunde. Diese Anerkennung ist ihnen wichtig. Meistens möchten sie ihre Mappe sofort mitnehmen und der Lehrerin oder den Eltern zeigen. Sie freuen sich auf die nächste Stufe und hängen stolz ihre Wäscheklammer an das nächste Plakat.
 

Die Stundenstruktur 

Die Stundenstruktur sieht nach Einführung der Materialien und Methoden im Rechtschreib-leiter-Förderunterricht in der Regel so aus:

  1. Arbeit mit den Bild- oder Wortkarten (alle gemeinsam im Raum oder an der Tafel; die Arbeit mit den Karten ist aber auch in Einzel- oder Partnerarbeit möglich) 
  2. Einzelarbeit mit den Arbeitsblättern (individualisiert)
  3. gemeinsames Lernspiel mit dem Spielplan (kann aus Motivationsgründen auch am Anfang der Stunde stattfinden)
  4. Protokollierung des Geleisteten auf dem Lernprotokollblatt (am besten durch die Schüler; ich zeichne gegen).


Wie geht es weiter im Förderkurs?

Nachdem der Umgang mit den Materialien und die Stundenstruktur mit der Gruppe nachhaltig erarbeitet wurden, kann die Gruppengröße erhöht werden. Es ist jetzt auch möglich, mit einer offenen Förderbandstruktur fortzufahren. 
Für die Erarbeitung der alphabetischen Stufen benötigen die Kinder meiner Erfahrung nach –je nach Alter, Auffassungsvermögen und Lernentwicklungsstand – etwa ein halbes Jahr. Fallen den Kindern die ersten drei Stufen besonders leicht, können sie auf den Stufen 4, 5 und 6 mit den Phänomenen st/sp, ß und qu arbeiten, denn die Verwendung dieser Grapheme ist in der Regel nicht gesichert.

Als Ergänzungsmaterial bietet sich der LOGICO-Satz „Richtig schreiben in 16 Lernstufen“ an. Das Wortmaterial und die Übungen sind auf die Stufen der Rechtschreibleiter abgestimmt und eröffnen neue Übungsmöglichkeiten. Die Kinder arbeiten sehr gern mit diesem Zusatzmaterial, das, wenn es im Klassenraum vorhanden ist, eine wichtige „Klammer“ zwischen Förder- und Regelunterricht bilden kann.

Sind die alphabetischen Stufen gesichert, geht es mit den „roten“ Stufen der Rechtschreibleiter an die Erarbeitung der orthographischen Phänomene. Auf diesen Stufen wird vornehmlich mit Ableitungsstrategien und Wortfamilien gearbeitet. Es ist sehr wichtig, dass die „Nachdenkstellen“ in den alphabetischen Stufen 1 – 6 nicht vorkommen. Das ist für die Kinder entlastend. Sie müssen nicht immer an alle Nachdenk- und Merkphänomene und Ausnahmen denken. Es gilt das Prinzip „vom Einfachen zum Schwierigen“ – Stufe für Stufe. Es kann und soll nicht alles auf einmal gelernt werden!

Nach etwa einem Jahr können dann nach und nach die „blauen“ Stufen 12 – 16 bearbeitet werden. Hier handelt es sich um Merkphänomene. Die Aufgliederung in Wortbausteine und die Kenntnis von Wortverwandtschaften helfen, diese Stück für Stück zu beherrschen.
Nach dieser Struktur gestalte ich schon seit vielen Jahren meinen Förderunterricht. Die Erfolge, die ich beobachten konnte, bestätigen die Richtigkeit dieses Förderansatzes.

Thomas Hawellek ist Schulleiter in Hamburg und Autor der "Rechtschreibleiter" sowie der LOGICO-Mappen "Richtig schreiben in 16 Lernstufen".

© Finken-Verlag, 2010Dieser Text und die darin enthaltenen Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags. Die Bilder wurden uns vom Autor zur Verfügung gestellt.Mehr Informationen zur Rechtschreibleiter und zur LOGICO-Box Richtig schreiben in 16 Lernstufen finden Sie auf unserer Homepage: Rechtschreibleiter LOGICO-Box Richtig schreiben in 16 Lernstufen
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