Inklusion: Was bedeutet das? Was bedeutet das nicht?

Gerald Klenk Finken Verlag Inklusion

Artikel von Dr. Gerald Klenk, Schulrat am Staatlichen Schulamt im Landkreis Nürnberger Land

 

Inklusion heißt nicht „gleichmachen“!

Ein Mensch mit extremer Höhenangst wird nicht den Beruf des Kranführers anstreben, aber als Baggerführer kann er sehr geschickt sein. –
Ein Mensch mit Down-Syndrom wird nicht in der Buchhaltung arbeiten können, aber als Mitarbeiter/in in der Poststelle des Landratsamtes kann er strukturiert arbeiten.

In der Schule: Dass ein Kind im Rollstuhl nicht am 100-Meter-Lauf teilnehmen kann, ist allen einsichtig. Da wird auch eine zusätzliche Begleitperson nichts ändern können. Weil unser Schulsystem so konstruiert ist, dass durch extrem verzweigte innere und äußere Differenzierung der Anschein von Leistungshomogenität erweckt wird und deshalb alle Schüler/innen einer solch „homogenen“ Gruppe auch die gleichen Ziele erreichen sollen, fallen all jene aus dem System, die diesem Leistungsdruck nicht gewachsen sind: Entweder du arbeitest dich in relativem Gleichschritt mit den anderen permanent weiter nach oben oder du fällst durch – up or out[1].

Inklusion erfordert hier ein Umdenken: Nicht allen das Gleiche, sondern jedem das Seine. Nicht fördern, um auf ein Ziel hinzuarbeiten, das für alle gleichermaßen festgesetzt ist, sondern fördern, um die individuellen Möglichkeiten auszuschöpfen und zu erweitern. Fördern, nicht primär mit Blick auf die soziale Bezugsnorm, sondern auf die individuellen Möglichkeiten; nicht im Gleichschritt, sondern in individuellem Tempo und auch auf individuellen Wegen. In der Pädagogik heißt das „lernzieldifferentes Unterrichten“.

Das bedeutet aber nicht: Jeder geht seine eigenen Wege, isoliert neben anderen. Die inklusive Schule bietet gemeinsame Felder, auf denen sich individuelle Wege finden lassen. Inklusive Schule nimmt alle mit, hängt keinen ab, kennt keinen "Drop-out". Inklusive Schule wechselt ab zwischen gemeinsamen und individualisierten Lern- und Arbeitsphasen. Es gibt dort auch Frontalunterricht ebenso wie offene Lernformen. Es gibt das Lernen im Klassenverband ebenso wie die Rückzugsmöglichkeit für das einzelne Kind. In der inklusiven Schule weiß jedes Kind, dass es mit seinen individuellen Möglichkeiten zur ganzen Schulgemeinschaft gehört – mittendrin.

 

Inklusion verlangt keine Universalgenies als Lehrkräfte!

Frau F., Grundschullehrerin, erfuhr in den Sommerferien während ihres Urlaubs, dass in der 1. Klasse, die sie im September übernehmen soll, ein Kind mit Behinderung sein würde. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um ein Kind mit dem Pallister-Killian-Syndrom. Nach Ihrem Urlaub nahm Frau F. Kontakt mit der Familie auf, besuchte sie zu Hause, ging mit dem Kind und der Mutter zum Eisessen und erkundete so, was die Behinderung des Kindes ausmacht. Ganz selbstverständlich kam dieses Kind, unterstützt von einer Schulbegleiterin in die Klasse. Auch der Mobile Sonderpädagogische Dienst (MSD) kam ab und zu zur Unterstützung und v.a. zur Beratung. Die Lehrerin nahm das Kind mit, indem sie sich auf seine spezifischen Verhaltensweisen und Bedürfnisse einließ, nicht indem sie Sonderpädagogik studierte. Was ihre 1. Klasse zu bearbeiten hatte, das hatte selbstverständlich auch dieses Kind zu bearbeiten – auf seinem Niveau und mit seinen Möglichkeiten. Frau F. schob dieses Kind nicht ab zum Mandala-Ausmalen, sondern nahm es mit, in Unterrichtsgesprächen, in Gruppenarbeiten - und wenn es nicht mehr ging - durfte es auch alleine arbeiten. Das Kind wurde von seinen Mitschülern selbstverständlich auf- und angenommen, auf seine spezielle Art nahmen alle Rücksicht.

Was zeichnete Frau F. aus? Sie ging vorbehaltlos auf das Kind zu, für sie war es in erster Linie ein Kind, erst in zweiter Linie ein behindertes Kind. Sie hat sich mit den spezifischen Bedürfnissen eines Kindes mit dem Pallister-Killian-Syndrom im Umgang mit dem Kind auseinandergesetzt; sie hatte keinen sonderpädagogischen Kurs zuvor belegt… Sie arbeitete mit den Methoden, die in der Grundschule wichtig und richtig sind und übertrug sie auf die Möglichkeiten ihres behinderten Schülers.

Natürlich gab es auch Probleme. Manchmal war Frau F. wirklich ratlos und auch am Rande ihrer Möglichkeiten.

Inklusion verurteilt keine Lehrkraft zum Erfolg. Inklusion darf auch scheitern, wie alles in der Schule auch scheitern kann und darf. Schule ist die Institution, die ausdrücklich für das Lernen da ist, und jeder Lernprozess birgt in sich auch die Option des Scheiterns.

Wenn trotz aller Versuche, ein Kind mit seinen persönlichen Einschränkungen mitzunehmen, unüberwindbare Grenzen erreicht werden, darf man dies auch zugeben und nach anderen Wegen suchen. Im Zentrum der Bemühungen muss stets das seelische, geistige und körperliche Wohl des einzelnen Kindes stehen.

 

Inklusion muss man nicht alleine können!

Schauen wir noch einmal auf Frau F. Sie hat zu keinem Zeitpunkt für sich den Anspruch erhoben, das Kind mit dem Pallister-Killian-Syndrom alleine in die Klasse und das Lernen zu integrieren. Sie hat sich Unterstützung geholt und ihr Klassenzimmer geöffnet. Das hat übrigens auch die eher skeptischen Kollegen und Kolleginnen überzeugt.

Um einem Kind oder Jugendlichen mit Einschränkungen gerecht werden zu können, müssen verschiedene Professionen in der Schule zusammenwirken. Selbstverständlich beginnt die Kooperation erst einmal im Kollegium selbst: Hier muss man erst einmal realisieren, dass es nicht um Zuständigkeit, sondern um Verantwortung geht. Zuständig ist Frau F. als Klassenlehrerin, ja, aber verantwortlich dafür, dass sich das Kind mit der Behinderung in der Schule wohlfühlen kann, sind alle. Zuständigkeit befreit nicht von Verantwortung.

Teamarbeit ist ein ganz wichtiger Schlüssel für erfolgreichen Umgang mit Diversität[2]: Keine Lehrerin, kein Lehrer muss alles können – keine Lehrerin, kein Lehrer muss alles alleine können. In einem guten Team ergänzen und potenzieren sich die Kompetenzen der einzelnen Mitglieder.

 

Inklusion: Es gibt noch etwas Wichtigeres als die Rampe an der Eingangstreppe!

Aber unser Schulhaus ist doch nicht barrierefrei! – Mag sein. Das ist auch für den Anfang nicht so wichtig. Barrierefreiheit hat viele Erscheinungsformen. Die wichtigste ist die Barrierefreiheit in den Herzen und Köpfen der Beteiligten.

Frau F. startete nicht mit einem „Ja, aber…“, sondern mit einem Besuch in der Eisdiele. Das ist ein großer Unterschied.

Lehrerinnen und Lehrer können viel mehr, als sie glauben. Entscheidend ist es, auf alle Kinder vorbehaltlos und liebevoll zuzugehen.

 

Fazit

  1. Inklusion ist eine der bedeutendsten Herausforderungen der Gegenwart für unsere Schulen und unsere Gesellschaft.
  2. Niemand erwartet von den Lehrerinnen und Lehrern, dass sie „Inklusion perfekt können“, wohl aber, dass sie diese Aufgabe vorbehaltlos anpacken – Scheitern-dürfen inklusive!
  3. Inklusion kann gelingen, wo alle verantwortlich zusammenarbeiten und Professionen und Kompetenzen sich im Team potenzieren.
  4. Zwei Dinge müssen sich öffnen: die Herzen und der Unterricht.

 

Dr. Gerald Klenk, 30. März 2013

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[1] Dieses Motto stammt aus der Wirtschaft. McKinsey pflegt dieses Prinzip konsequent. Siehe dazu die ZEIT Nr. 14 vom 27. März 2013, S. 69 und S. 71

[2] Siehe dazu auch den Index für Inklusion: http://bit.ly/13GtJT6