Grundschule und Grammatik – ein Widerspruch?

von Ingrid Hagemann

„Der Sprache auf der Spur“ – so der vielversprechende Titel einer Kartei beim Finken-Verlag! Der Titel dieser Grammatikkartei ist dabei Programm: Trugen vor Jahren Themenhefte Titel wie „Stiefkind Grammatik“ oder „Wie viel Grammatik braucht das Kind?“, wird nun ein forschender, prozesshafter, progressiver Weg in den Vordergrund gestellt.

Grammatik WortwolkeDer Grammatikunterricht in der Schule ...

Ergänzen Sie einmal im Stillen diesen Satz! Nicht nur Kinder kommen dabei zu überwiegend negativ gefärbten Aussagen.

... hatte für mich etwas quälend Langweiliges.
Es wurde uns nie richtig erklärt,
was die Grammatik mit Sprache zu tun hat.

Hans Joachim Schädlich
Autor „Der Sprachabschneider“

 

Bei der Befragung Erwachsener – insbesondere Eltern von Grundschülern – stellt sich oft heraus, dass sie außer der Erinnerung an ein unangenehmes, ungeliebtes Fach kaum noch über grammatische Kenntnisse verfügen, vieles vergessen haben, aber trotzdem den Grammatikunterricht ihrer Kinder heute vor allem im Hinblick auf weiterführende Schulen für ungeheuer wichtig halten.

Bei der Befragung von Lehrkräften im Fach Deutsch macht sich immer wieder Frustration darüber breit, dass sich trotz intensiven Übens insbesondere bei muttersprachlichen Kindern kaum Verbesserungen im Sprachgebrauch einstellen. Dieses mag u.a. an der geringen Anbindung abstrakter Übungen an konkrete Lebensweltbezüge liegen.

 

Warum "Stiefkind Grammatik"?

Versuchen wir die Gründe herauszufinden, wie es zu diesem Widerspruch kommt und warum sich das „Stiefkind Grammatik“ in der Grundschule so schwer tut.

Beobachten wir kleine Kinder, stellen wir fest, dass sie bereits ab dem 2. Lebensjahr beginnen, über Sprache zu reflektieren. Sie korrigieren sich selber, variieren, wiederholen, spielen mit Sprache, kommentieren, beschreiben, erklären und bewerten. Gemeint ist hier die „mentale Grammatik“ – die Sprachkompetenz, die jeder Mensch besitzt, die angeboren ist und unbewusst genutzt wird.

Sind die Kinder in der Schule, wird grammatisches Wissen auch nicht bewusst angewendet, es sei denn „Grammatik“ steht auf dem Stundenplan. Diese unbeliebten Übungsstunden Grammatik aber haben uns Lehrern immer wieder gezeigt: Die Sprache der Kinder verbessert sich kaum bis gar nicht dadurch! Die unmittelbare Verwendbarkeit von grammatischem Wissen ist eine Illusion, denn Grammatik vermittelt eher „träges Wissen“.

 

Grammatische Probleme sind theoretische Probleme – Kinder denken aber nicht theoretisch!

Das Verstehen von Grammatik setzt ein formal-hypothetisch-deduktives Denken voraus. Das ist laut Aussagen von Entwicklungspsychologen im Grundschulalter allenfalls ansatzweise zu leisten.

Kinder lernen am besten und effektivsten induktiv, handlungsorientiert und spielerisch. Genau darauf zielt die neue Grammatikkartei ab: auf den Verzicht deduktiv aufgesetzter Grammatiktheorien und auf die Betonung des forschenden und sinnstiftenden Lernens unter Berücksichtigung der individuellen Förderung.

 

Was sagen die Lehrpläne dazu?

Offensichtlich herrscht eine rege Legitimationsdiskussion um den Bereich Grammatik in der Grundschule. Der Grammatikverdruss bei Kindern wie Lehrern steht jedoch im Widerspruch zur Verankerung des Bereiches im Lehrplan. Grammatik ist ein Tabuwort – hier heißt es „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen“. Jedoch bei genauer Hinsicht ist viel Grammatik enthalten – man blicke nur auf die verbindlichen Terminologien und Phänomene, die gelehrt und gelernt werden müssen. Somit handelt es sich keinesfalls um eine optionale Angelegenheit oder um ein freiwilliges Thema, sondern es ist curricular vorgegeben.

 

Brechen wir eine Lanze für den „Grammatikunterricht“, denn das Wissen um Sprache und Sprachgebrauch ist auch in der Grundschule richtig und wichtig!

  • Terminologien/Fachbegriffe helfen, das Sprachwissen auszubauen und sind notwendig, um sich über dieses Thema auszutauschen (Reflexion auf der Metaebene).
  • Das Wissen um Sprachstrukturen hilft Kindern beim eigenen Wortschatzaufbau (insbesondere DaZ-Kindern).
  • Grammatisches Wissen ist die Voraussetzung für das Erlernen von Fremdsprachen (Transfer, Vergleich).
  • Texte schreiben und überarbeiten ist ohne Wissen um grammatische Strukturen nicht möglich.
  • Grammatik ist durchaus wissenswert um seiner selbst willen! So wie es spannend ist zu erfahren, warum Bäume im Herbst die Blätter verlieren, ist es ebenso spannend zu erforschen, nach welchen Bauplänen mit je unterschiedlicher Wirkung Sätze gebaut werden können. 

 

Lesen Sie mehr über den Einsatz der Grammatikkartei Der Sprache auf der Spur im Praxisartikel von Frau Möhring:

Praxisartikel Grammatikkartei