Entwicklung einer Lesekultur

von Ulrike Potthoff

Über die Lesekompetenz unserer Schülerinnen und Schüler wird nach Vorlage der internationalen und nationalen Vergleichsstudien in der Grundschule viel diskutiert. In den Schulen sind in den letzten Jahren viele Projekte zur Leseförderung angestoßen worden: Lesenächte, Leseprojektwochen oder auch die Teilnahme an ?Antolin? im Internet und die Einrichtungen von Schul- bzw. Klassenbibliotheken. Dennoch stellen Sie sich immer wieder die Fragen:

  • Wie werde ich in einem Leseunterricht allen Kindern gerecht?
  • Woher weiß ich, was das einzelne Kind braucht, um seine Lesefähigkeit weiter zu entwickeln?
  • Wie gestalte ich einen Unterricht, in dem viel gelesen wird und in dem ich die Kinder individuell fördern kann?

 

Lesekultur

Textverständnis für Geschriebenes und Gedrucktes ist alltägliche Voraussetzung für erfolgreiches Lernen, da der Unterricht in fast allen Fächern ebenso wie die Umwelt der Kinder durch schriftliche Texte geprägt ist. Daher ist es notwendig das Textverständnis der Kinder und somit ihre Lesekompetenz zu unterstützen. Um die Leseprozesse von Kindern zu fördern, braucht jede Schule und Klasse eine Lesekultur, die durch regelmäßige Lesezeiten, ein differenziertes Leseangebot und unterschiedliche Leseorte gekennzeichnet ist. Denn nur in einer anregenden Leseumwelt mit vielfältigen Lesesituationen können Kinder zu Lesern werden. Sie können ihre Lesekompetenz entwickeln und selbstständig ihre Leseprozesse steuern.

Merkmale einer Lesekultur sind

  • eine anregende Leseumgebung mit unterschiedlichem Lesematerial, das die Interessen der Kinder berücksichtigt
  • thematische Leseimpulse, die Lesen im Sinne von Wissensaneignung notwendig machen
  • freie Lesezeiten, in denen Kinder sich ihr Lesematerial, ihren Leseort und ihre Lesepartner auswählen dürfen
  • die Kommunikation über Gelesenes, in der das Verständnis ausgetauscht, Unbekanntes geklärt und Interesse gezeigt wird
  • Lesevorbilder und eine Leseöffentlichkeit, in der Leseleistung gezeigt werden kann.

In solch einer Lesekultur können auch vielfältige Beobachtungen zur Lesekompetenz der einzelnen Kinder gemacht werden.


Beobachtungen und Diagnose

Allgemeine Beobachtungen bei lesenden Kindern, die in freien Lesezeiten und in vielfältigen Lesesituationen gemacht werden können, beziehen sich auf die Lesehäufigkeit, das Leseinteresse und die erlangte Lesefähigkeit (sofern Kinder sie präsentieren). Hieraus können schon Schlüsse auf eine gezielte Leseförderung gezogen werden. Des Weiteren können Beobachtungsbögen angelegt werden, in denen einzelne Lesefähigkeiten der Kinder festgehalten werden, zum Beispiel:

  • ob Kinder einzelne Informationen in Texten finden
  • ob sie Textstellen verknüpfen, ob sie Bilder, Zeichnungen und Überschriften für ihr Textverständnis nutzen
  • ob sie einen Text zusammenfassen
  • ob sie ihre Meinungen und Aussagen mit Textstellen belegen oder
  • ob sie Fragen zum Text beantworten können.

Weitere Informationen können aus gezielten Diagnosen übernommen werden. Bestimmte Überprüfungsverfahren machen Angaben darüber, ob Kinder genau lesen (Stolperwörtertest von W. Metze) oder ob sie den Sinn des Textes verstehen (Hamburger Leseprobe von P. May). Auch aus den Rückmeldungen der zurzeit in allen Bundesländern obligatorischen Vergleichsarbeiten kann eine gezielte Leseförderung abgeleitet werden.

 

Leseförderung mit gezielten Aufgabeneobachtungen

Um eine Leseförderung zielgerichtet in den Unterricht einzubeziehen, können die Lesefähigkeiten der Kinder einem Stufenmodell des Lesens (siehe IGLU-Studie) zugeordnet werden. Die genutzten Stufenmodelle bilden die Entwicklung der Lesekompetenzen ab. Es können gezielte Aufgaben zuden einzelnen Stufen entwickelt werden. Auf einer ersten sichtbaren Stufe zeigen Kinder ihre Dekodierungskompetenz. Sie befinden sich im Lernprozess der Laut-Buchstabenzuordnung und erlesen Wörter laut ? Buchstabe für Buchstabe.
Die Bedeutung erschließt sich ihnen oft erst durch ein zweites lautes Vorsprechen des Wortes. Sie nutzen auch Bilder, um sich den Inhalt des Textes zu erschließen.

Aufgaben für diese Stufe:

  • kleine Lesetexte (ein Satz pro Zeile mit Flattersatz, großer Schrift und Zeilenabstand)
  • Text mit Silbenbögen
  • Lesen von Texten, in denen Sinnabschnitte markiert sind, mit Leselupen oder Rahmen
  • Text ? Bild ? Zuordnungen
  • kleine Leseaufträge (z.B. ?Hole einen Stift.?)
  • Lese-Malaufträge

Auf einer zweiten Stufe zeigen Kinder, dass sie sich an einzelne Informationen im Text erinnern. Diese Informationen können sie mit ihrem Wissen ergänzen und somit ein individuelles Verstehen eines Textes erklären. Sie lesen zum Teil noch Wort für Wort und verfügen über einen Lesewortschatz häufig vorkommender kleiner Wörter.

Aufgaben für diese Stufe:

  • Fragen beantworten, die sich auf wichtige Stellen im Text beziehen
  • Textstellen unterstreichen, in denen etwas Besonderes passiert
  • Bilder Textteilen zuordnen (z.B. Bilder der Entwicklung eines Tieres zu kleinen Sachtexten)
  • Textteile Bildfolgen zuordnen
  • Lückentexte, in denen Wörter dem Sinn nach ergänzt werden
  • Wörter in Texten durch bedeutungsgleiche Wörter ersetzen

Auf einer dritten Stufe zeigen Kinder, dass sie altersgemäße Texte verstehen. Sie suchen beim Lesen nach dem Sinn und können Zusammenhänge im Text erkennen, deuten und bewerten. Das eigene Vorwissen zum Thema bringen sie bei Gesprächen mit ein. Sie können die Gesamtaussage eines Textes verstehen und äußern.

Aufgaben für diese Stufe:

  • Leseerwartung formulieren
  • Überschriften zu Textabschnitten finden
  • Personen im Text Gedanken oder Redeteile zuordnen
  • Gefühle von Personen verbalisieren
  • fehlende Textstellen ergänzen
  • Textteile in die richtige Reihenfolge bringen

Auf einer vierten Stufe zeigen Kinder, dass sie verschiedene Textsorten (literarische Texte, Sachtexte und diskontinuierliche Texte) selbstständig erlesen können. Die Sinnentnahme geschieht schnell und die Textaussagen werden mit dem eigenen Wissen verknüpft. Unbekanntes wird geklärt und in die Textaussage eingefügt.

Aufgaben für diese Stufe:

  • Textcluster, aus denen unterschiedliche Informationen für Aufgaben verwendet werden
  • Informationen in eine andere Darstellungsform bringen (z.B. Sachtext in eine Tabelle)
  • Informationen aus dem Text Oberbegriffen zuordnen
  • Aussagen aus einem Text in anderen Zusammenhängen verwenden (z.B. Debatte)
  • Lesetagebücher schreiben
  • Bücher vorstellen

Leseförderung durch Lesestrategien (Globalverstehen/selektives Leseverstehen/Detailverstehen) Lesestrategien helfen den Kindern, einen Text als Ganzes mit seiner inhaltlichen Aussage zuverstehen, Informationen in einzelnen Textpassagen zu ermitteln, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und den tieferen Sinn eines Textes zu erkunden. Lesestrategien müssen von Kindern an unterschiedlichen Texten erlernt, geübt und immer wieder angewendet werden, denn die Kinder sollen lernen, wann und an welchen Texten es effektiv ist, bestimmte Lesestrategien einzusetzen.
Lesestrategien können von den Kindern mithilfe eines ?Leseknackers? (von Anke Schumacher) oder in einer ?Lesekonferenz? (von Ulrike Potthoffselbstständig eingeübt und genutzt werden.
Somit können sie ihre eigenen Leseprozesse steuern und ihre Lesekompetenz erweitern. Vorschläge für beide Möglichkeiten finden Sie auf diesen Arbeitsblättern aus dem Begleitheft zur LOGICO-MAXIMO Box ?Lesewege

 

Lesewege
Ulrike Potthoff ist Fachleiterin für Deutsch am Studienseminar in Düsseldorf.
 
© Finken Verlag, 2015
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Mehr Informationen zur LOGICO-Übungsbox MAXIMO-Lesewege finden Sie auf unserer Homepage: