Kooperatives Lernen

von Annabella Diephaus und Dorothee Eßer-Mirbach

“Education means: educare à lead them to the borderline, test their skills, give them trust in their own abilities.”

 

Kathy und Norm Green – Didacta in Köln 2007

Die Lebenswelt der Kinder in der heutigen Zeit, die sich durch Veränderung der familiären Sozialisation, eine Informationsflut und die damit verbundene Dominanz der Medien kenn-zeichnen lässt, bringt ein verändertes Lern- und Sozialverhalten mit sich. Heterogenität hinsichtlich der sozialen, sprachlichen und fachlichen Fähigkeiten der Kinder ist in allen Schulformen an der Tagesordnung.
Diesen neuen Herausforderungen kann die Schule mit kooperativen und sozialen Lernformen begegnen, um den Kindern interaktive, kooperative und kommunikative Kompetenzen auf den Lernweg mitzugeben, die heute in jedem Berufsleben vorausgesetzt werden. Denn „Kooperatives Lernen ist kluges, Kräfte schonendes Umgehen mit der Heterogenität von Lernenden (und Lehrenden), mit Alltagskonflikten, mit Leistungsansprüchen und -motivation sowie mit den sozialen Kompetenzen aller an Schule (oder Hochschule) Beteiligten“. (Green, Green 2005)
Kooperatives Lernen | Kinder am Arbeiten | Bild 1
Kinder sind grundsätzlich daran interessiert, etwas Sinnvolles zu tun, und sie lernen besonders gut mit- und voneinander. Durch Kooperatives Lernen werden soziale Fähigkeiten zum Lerngegenstand gemacht. Neben den fachlichen Arbeitsweisen sind sie als gleichrangig anzusehen. Die Gruppenprozesse beim Kooperativen Lernen sind genauso wichtig wie die Arbeitsergebnisse.Ein echtes Wir-Gefühl, einen Teamgeist aufzubauen, ist das Ziel dieser Lernkultur. In gut strukturierten Lerngruppen wird mithilfe verschiedener Arbeitsmethoden ein hohes Aktivierungsniveau erreicht. Die Schülerinnen und Schüler unterstützen sich gegenseitig, um gemeinsam zu Ergebnissen zu kommen.
Kooperatives Lernen | Gruppenpuzzle | Bild 2

 

Kooperatives Lernen ist nicht einfach nur Gruppenarbeit – Kooperatives Lernen ist eine persönliche Philosophie (N. Green). Grundvoraussetzung ist das Schaffen eines förderlichen sozialen Klimas und der Aufbau eines positiven Selbstbildes bei den Kindern. Die Konsensbildung ist das vorrangige Ziel der Gruppenarbeit, nicht der Wettbewerb. Die unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder führen zu vielfältigen interessanten Arbeitsergebnissen. Die persönliche Verantwortung des einzelnen Gruppenmitglieds und die Abhängigkeit der Teilnehmer voneinander im positiven Sinne sind dabei gefordert. Kathy und Norm Green benennen 5 Faktoren, die für das Gelingen von Bedeutung sind:
 

1.    Positive gegenseitige Abhängigkeit (das gemeinsame Ziel verfolgen. Individuelle Verantwortung des Einzelnen (jeder nach seinen Fähigkeiten)
3.    Direkte Interaktion (gegenseitige Ermutigung und Unterstützung)
4.    Soziale Kompetenzen (sich austauschen, Arbeit verteilen)
5.    Reflexion des gesamten sozialen und kognitiven Lernprozesses


“Our job is not to create workers  - Our job is to create thinkers.”
 

Kathy und Norm Green – Didacta in Köln 2007

 

GREEN, NORMAN/GREEN, KATHY (2005): Kooperatives Lernen im Klassenraum und im Kollegium. Das Trainingsbuch. Seelze-Velber: Friedrich Kallmeyer Verlag.


Konkrete Umsetzungen mit den Materialien „Lernen lernen – konkret! 1/2“

Eine einfache Möglichkeit, das Wir-Gefühl einer Klasse zu stärken, bildet die Trainingsspirale „Teamarbeit“ (aus Lernen lernen – konkret! 1/21). Angestrebt wird, die Kinder für Formen der Zusammenarbeit zu sensibilisieren und erste Schritte zu einer konstruktiven  partnerschaftlichen Gruppenarbeit zu konkretisieren und damit ihre Teamfähigkeit anzubahnen.
In der hier vorgestellten Trainingsspirale geht es darum, an der gemeinsamen Erstellung einer Collage mit den Bremer Stadtmusikanten Teamarbeit zu erproben. Dieses Märchen wird im Vorfeld den Kindern erzählt oder vorgelesen, damit es ihnen präsent ist.
Die zu entwickelnden „Gruppenbilder“ erfordern Absprachen innerhalb der Gruppe über einen zu bestimmenden Ort des Geschehens, über die Anordnung der Tiere und über die Arbeitsteilung und Koordination am Gruppentisch. Anschließend markieren die Kinder auf einem Stimmungsbarometer ihre positiven und negativen Empfindungen.

Im Reflexionsgespräch formulieren die Kinder all das, was sie sich für die nächste Gruppenarbeit wünschen. Wesentliche Aspekte für die Optimierung des Erarbeiteten werden auf dem „Team-Helfer-Plakat“ festgehalten.
Die „Gruppenbilder“ werden mit den Namen der Gruppenmitglieder versehen als Team-Produkt gewürdigt und aufgehängt.

 

Gruppenpuzzle

Eine komplexere Methode, den oben beschriebenen Teamgeist und das Wir-Gefühl, in einer Schulklasse aufzubauen, ist das Gruppenpuzzle. (siehe Lernen lernen – individuell & kooperativ! 1/22)

Das Gruppenpuzzle ist eine kooperative Lernmethode, mit der die Schülerinnen und Schüler Grundlagenwissen erwerben, das sie dann als „Experten“ an ihre Stammgruppe weitergeben. Indem die Spezialisten neu erworbenes Wissen an andere weitergeben und es ihnen erklären, wird das eigene Verständnis dafür gefestigt und vertieft. So wird bei dieser Methode ein Grundprinzip kooperativen Lernens – „Lernen durch Lehren“ – umgesetzt.

Mit der Trainingsspirale „Das haben wir im 1. Schuljahr gelernt“ kann die Methode eingeführt werden. Inhaltlich bietet es sich an, die Schülerinnen und Schüler reflektieren zu lassen, welche Leistungen sie in der ersten Klasse schon erbracht haben.

In einer Mind Map hält jede Stammgruppe ihre Assoziationen zu dem genannten Themenkomplex fest. Anschließend finden sich die einzelnen Stammgruppenmitglieder je nach den gewählten Teilaspekten in Expertenrunden zusammen und diskutieren über den Lernstoff ihres Faches. Zur Gruppeneinteilung können einfache und bereits eingeübte Methoden, wie z.B. das Abzählen oder das Verteilen von Farbkärtchen genutzt werden.Nach der Arbeit in den Expertengruppen berichtet jeder Schüler in seiner Stammgruppe über die neugewonnen Erkenntnisse, sodass zum Abschluss in der Stammgruppe das Expertenwissen gesammelt wird, das im Erstellen eines Plakates deutlich gemacht werden kann. Dieses Lernplakat führt den Schülern unmittelbar vor Augen, was sie in ihrem ersten Schuljahr bereits gelernt haben. So äußerte sich ein Schüler mit Blick auf das fertige Plakat seiner Gruppe: „Boa, so viel haben wir schon gelernt. Das hätte ich nicht gedacht.“
Kooperatives Lernen | Lernplakat | Bild 3

 

Stützpunktwissen 100

Große Zahlen üben auf Kinder eine besondere Faszination aus. Speziell die Zahl 100 stellt im ersten und zu Anfang des zweiten Schuljahres etwas ganz Großes dar, das oftmals das eigene Vorstellungsvermögen der Schüler übersteigt. Diese Faszination, das Interesse, die Zahlenwelt weiter zu erobern, soll in dem Lernarrangement „Stützpunktwissen 100“ genutzt und in den Mittelpunkt gestellt werden.Mit der Methode „Gruppenpuzzle“ werden die verschiedenen Größenbereiche, Geld, Längen, Gewichte und Stückzahlen in den verschiedenen Expertengruppen erforscht. Durch den handelnden Umgang mit verschiedenen Materialien wird eine reale Vorstellung dieser Größen, das heißt, ein Stützpunktwissen, aufgebaut.
Kooperatives Lernen | Plakat | Bild 5

 

Das Lernarrangement „Stützpunktwissen 100“ bietet eine Hilfe, eine kommunikative Kultur im Mathematikunterricht entstehen zu lassen, in der die Schüler die Möglichkeit haben, eigene Ideen zu entwickeln und über diese in einen Austausch zu treten. So entstehen Gespräche mit mathematischem Inhalt, die nicht durch die oftmals richtungweisenden Äußerungen der Lehrperson geprägt werden.

 

Bedeutsamkeit kooperativen Lernens für die Grundschule

Sowohl die Lehrpläne als auch die Bildungsstandards heben hervor, dass ein Lernen auf eigenen Wegen mit einem sozialen Lernen, von- und miteinander, verbunden werden soll. Die Kinder sollen dazu angehalten werden, zu kommunizieren und zu argumentieren.
Kinder wachsen über sich selbst hinaus, wenn ihnen Vertrauen in ihre Fähigkeiten und ihre Lernbereitschaft entgegengebracht wird und wenn sie erleben, dass ihre eigenen Fähigkeiten ein wichtiger Beitrag für den Austausch in der Gruppe und den Lernprozess aller sind.

Annabella Diephaus ist Grundschullehrerin an der Sünte-Rendel-Grundschule in Hörstel-Riesenbeck. Ihre Fachgebiete sind Deutsch und Mathematik.

Dorothee Eßer-Mirbachist Fachleiterin für das Fach Deutsch am Studienseminar für das Lehramt der Primarstufe in Rheine. Sie war als Moderatorin für „Englisch in der Grundschule“ und „Lernen lernen“ tätig.

1 Lernen lernen - konkret! 1/2 | Finken-Verlag | Oberursel | 2008 2 Lernen lernen - individuell & kooperativ! 1/2 | Finken-Verlag | Oberursel | 2010
© Finken-Verlag, 2011
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