„Das ist Unterricht der Zukunft!“

Karin Brombacher

Szenariendidaktik ist die derzeit wohl aktuellste und innovativste Unterrichtsform für die effektive Förderung von Sprachkompetenzen. Durch das Lernen in Szenarien kann auf die Heterogenität in Klassen und auf die höchst individuellen Unterschiede beim Zugang zu Texten eingegangen werden. Das Konzept führt zu erstaunlichen Ergebnissen, weil das Kind Kompetenzen z.B. im Textverstehen nicht über Belehren und Befragen entwickelt, sondern aufgrund des Erfolgs bei eigenen entdeckenden, kommunikativen Handlungen im mündlichen und schriftlichen Bereich (aus: Petra Hölscher: Lesen als Erlebnis. Textszenarien, Handbuch Seite 5, Finken-Verlag 2010).

Nachdem wir uns mit diesem Thema in Fortbildungen beschäftigt hatten, hielt die Szenariendidaktik auch bei uns Einzug. Uns bedeutet: Deutsche Schule Bilbao in Nordspanien. Unsere Deutschlerner lernen vom 1. Kindergartentag bis hin zur Allgemeinen Deutschen Hochschulreife die deutsche Sprache. Sie ist Unterrichts- und Alltagssprache. Die Schülerschaft besteht zu 93% aus Spaniern, die kaum oder gar keinen deutschen Hintergrund haben. Somit bildet unser Schulgelände eine deutsche Sprachinsel im spanischen Baskenland. 
Das hier vorgestellte Unterrichtsexperiment fand in einer 4. Klasse statt. Es sind 17 Kinder, davon zwei SchülerInnen mit Muttersprache Deutsch.

Für den Betrachter möchte ich das Konzept der Szenariendidaktik skizzieren, das wir dem später beschriebenen Szenario zugrunde gelegt haben:

 

Phase 1: Entwicklung und Wahl der Aufgabenstellung

Die Kinder beschaffen sich ihre Informationen und Materialien zum Thema selbstständig; sie schauen und recherchieren in der Bibliothek, im Internet oder zu Hause und bringen Materialien mit. Nach gemeinsamer Sichtung erfinden die SchülerInnen entsprechend ihrer unterschiedlichen Lerninteressen, Lerntypen und Lernwege Aufgaben zum Thema. Diese können und sollen breit gestreut sein. So ergibt sich eine von SchülerInnen selbst gestaltete Binnendifferenzierung.
Die Sozialform wird frei gewählt, d.h. die Schüler entschieden sich, mit welchem Partner oder mit welcher Gruppe die gewählte Aufgabe bearbeitet werden soll.

Phase 2: Erarbeitungsphase 

Hier geschieht intensive Spracharbeit in der Gruppe. Jeder bringt in diesem Rahmen sein Vorwissen in die Diskussion ein. Bei Unklarheiten werden Hilfsmittel wie Wörterbücher oder Nachschlagewerke genutzt.
Kriterien zur Beurteilung der Ergebnisse und ihrer Präsentation werden gemeinsam festgelegt. Unterschiedliche Präsentationstechniken kommen zum Tragen.
 

Phase 3: Optimierungsphase

Durch Verbesserungsvorschläge in Bezug auf Inhalt, Sprache und Gestaltung werden die bisherigen Ergebnisse noch einmal überarbeitet und optimiert.

Phase 4: Präsentationsphase 

Jede Gruppe stellt das bei der Bearbeitung gewonnene Ergebnis vor. Die angestrebten, sehr unterschiedlichen Darstellungen führen zu einem großen Facettenreichtum des Themas. Durch die unterschiedlichen Lernzugänge profitieren die Kinder inhaltlich als auch sprachlich. Die Präsentation wird als Sprachanlass genutzt, um die Ergebnisse zu reflektieren und weitere Anregungen einzubringen. Es wird eine Selbsteinschätzung und eine Außeneinschätzung durchgeführt.

Bericht aus der Praxis: Lernszenario „Indianer“

Das hier vorgestellte Unterrichtsprojekt fand in einer 4. Klasse mit 17 Kindern statt, davon zwei SchülerInnen mit Muttersprache Deutsch. Das Ziel war, ein fächerverbindendes (Deutsch/Sachunterricht) Szenario zu dem vorgegebenen Thema selbstständig und eigenverantwortlich zu entwickeln.

Lernszenarien bezogen auf Texterarbeitung waren den Kindern bereits vertraut. In diesem Projekt allerdings wurde die komplette Medienauswahl den Kindern überlassen. Dies bedeutet, dass die Schüler eine noch größere Mitbestimmung und Verantwortung haben. Für die Rolle der Lehrkraft heißt es, noch mehr loszulassen.
Außerdem lag ein besonderer Schwerpunkt auf der Präsentationsphase mit Selbst- und Fremdevaluation.

Phase 1: Entwicklung und Wahl der Aufgabenstellung

Nachdem das Thema „Indianer“ bekannt war, bekamen die SchülerInnen den Auftrag, Informationen und Materialien zum Thema zu sammeln, zu recherchieren und mitzubringen. Von einer möglichen, zukünftigen Aufgabenstellung sollten sie sich auf keinen Fall einschränken lassen. Eine Medienecke im Klassenzimmer wurde eingerichtet. So wurden von den Schülern Internettexte, Fantasiebücher, Sachbücher, Lexika, Hörspielkassetten/ CDs, Filme, Faschingskostüme, Schminke, Ketten, Federn und sogar ein Gartenindianerzelt zusammengetragen.
Ich selbst bereicherte diese Medienecke durch … nichts!

Zum Auftakt bestaunten wir den überquellenden Medientisch. Jeder stellte sein Mit¬gebrachtes vor und begründete seine Auswahl. Gemeinsam suchten wir ein Ordnungs¬muster. Bald kamen die Kinder auf zwei entscheidende Klassifizierungsmerkmale: Da gab es Materialien, die der Sachinformation dienten, und andere, die den Abenteuergeist und die Fantasie beflügelten. Wir legten vorher fest: Wenn wir in die Erarbeitungsphase gehen, müssen sich die Partner oder Gruppen für die eine oder andere Kategorie entschieden haben und dies auch klar formulieren. Nachdem diese Entscheidung gefallen war, suchten wir gemeinsam Kriterien für die Präsentation – Höhepunkt des Szenarios. Bald wurde deutlich, dass alle Gruppen gemeinsame Kriterien hatten und sich lediglich die Theatergruppe im Kriterienkatalog unterschied.

Die von den Kindern genannten Punkte wurden auf einem Plakat visualisiert. Diese Stütze war für die Erarbeitungsphase wichtig, denn das Gemisch aus Medienmenge und großer Kreativität der Kinder birgt die Gefahr, in der Gruppenarbeit das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Der in der Klasse visualisierte Kriterienkatalog war Erinnerung und zugleich Selbstregulation für die Gruppen.
 

Phase 2: Erarbeitungsphase

Die Erarbeitungsphase war wesentlich zeitintensiver als bei Lernszenarien mit einer bereits vorhandenen Textvorlage. Mehr Freiheit bedeutet zugleich ein Mehr an Zeit zum Wählen, Diskutieren und Strukturieren. Die Kinder arbeiteten sehr engagiert und ernsthaft an folgenden Aspekten:

  • Indianerheft mit Infotexten, Kochrezepten, Bastelanleitungen und Lernspielen
  • Lernplakat mit Lernspiel bei der Präsentation
  • Szenenspiel: Ein Interview auf Tele 5 mit Nachrichtensprecher und Häuptling
  • Ausstellung: Nachbau eines Indianerdorfs


Nur wenige Kinder wählten eine Fantasiearbeit:

  • Theaterstück: Kleiner Bär

Die Szenariendidaktik überzeugte mich wieder einmal durch die von den SchülerInnen selbstkonstruierte Binnendifferenzierung. Jeder nahm sich der Aufgabe an, die ihm entsprach.

Phase 3: Optimierungsphase

In der Optimierungsphase regnete es Tipps: Sprich lauter! Leiser. Das verstehe ich nicht! Halte das Plakat höher! Besonders achteten die Kinder darauf, dass die Gruppen ihrer Aufgabenstellung treu blieben. Die Vorbesprechung fruchtete.

Phase 4: Präsentationsphase

Das, was erarbeitet wurde, zu evaluieren und zu bündeln, war nun der nächste Schritt: Die Kinder legten selbstständig fest, wo sie präsentieren wollten und wie die Sitzordnung der Zuschauer sein sollte. Eine optimale Wirkung sollte erreicht werden. Nach jeder Gruppenpräsentation fand mithilfe des Kriterienkatalogs eine Selbstevaluation statt. Der Katalog wurde durch lachende, streng schauende oder weinende Smileys erweitert. Die Kinder mussten hinter jedem Kriterium ihre Leistung einstufen und das entsprechende Smiley ankreuzen oder punkten. Dabei gaben sie die Begründung für ihre Entscheidung bekannt.
Im Anschluss besprach die Klasse die Präsentation, stufte diese ebenfalls ein und bewertete die Gruppenleistung. Hier wurde lebhaft diskutiert und abgewogen.
Die Selbstevaluation fiel an manchen Stellen viel strenger aus als die Fremdevaluation. Mich überraschte, dass diese Phase so ehrlich und ernsthaft von den Kindern gestaltet und be-sprochen wurde. Die Kritikbeiträge waren konstruktiv und bereichernd, sodass ich mich ganz zurückhalten konnte und lediglich den Evaluationsprozess zusammenfasste, ohne die Leistung im Schlusswort zu kommentieren.

Besonders für diese Phase möchte ich hier einige der Kompetenzen nennen, die meine Schüler bei der Arbeit erworben haben und von denen sie auch in anderen Bereichen langfristig profitieren konnten.

Präsentieren und optimieren:

  • Darstellungsform wählen
  • Form der Präsentation bewusst auf Wirkung wählen
  • erklären und erläutern
  • vortragen
  • Medien bei der Präsentation nutzen


Sprechen und zuhören:

  • gemeinsam über die Präsentation beraten
  • Verständnis klären


Konstruktiv kritisieren und Selbsteinschätzen

  • evaluieren mithilfe von Kriterien
  • Kritik positiv anwenden
  • mit Kritik konstruktiv umgehen


Einige Lehrkräfte aus dem Gymnasium hospitierten während der Präsentationsphase. Ein spontaner Kommentar lautete: „So muss es gehen! Das ist Unterricht der Zukunft!“

Karin Brombacher ist Schulleiterin einer Grundschule in Dillingen/Saar. Sie hat viele Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet, u.a. 2002–2010 als Schulleiterin in Bilbao/Nordspanien. Sie beschäftigt sich intensiv mit DaF und DaZ, momentan ist es ihr Bestreben, besonders im freizeitpädagogischen Bereich zu arbeiten, um vielleicht so durch geweckte Neugier an die Elternhäuser heranzukommen.

© Finken-Verlag, 2012
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Mehr Informationen zu den Lernszenarien finden Sie auf unserer Homepage:

Lernszenarien Teil 1

Lernszenarien Teil 2

Lernszenarien Teil 3

Lernszenarien/