Sprachförderung mit Sprachbildung kompakt - Ein Praxisbericht

von Anneli Reuer, Jennifer Rahnert, Julia Detert und Ulrike Zimmermann

Als Grundschullehrerinnen an Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist, stehen wir täglich vor der Herausforderung, allen Kindern mit ihren unterschiedlichen Sprachkenntnissen gerecht zu werden: Deutsch als Regelunterricht, Deutsch als Zweitsprache, Förderunterricht Deutsch, Sprachlernklassen, unterschiedliche Gruppenzusammensetzungen, unterschiedliche Sprachniveaus, klassenübergreifender Unterricht … Und das alles mit einem Material?

Ein Blick in die Sprachlernklasse:

In der Sprachlernklasse arbeite ich mit zehn Schülerinnen und Schülern aus fünf verschiedenen Ländern, die erst seit ein paar Wochen in Deutschland sind. Nach dem Begrüßungslied versammeln wir uns im „Kinokreis“ vor der Tafel, an der das große Poster „In der Schule“ aus dem Paket Sprachbildung kompakt zu sehen ist. Über dem Poster stehen zwei vorgegebene Satzstrukturen: „Ich sehe…“/ „Da ist…“ Yusof aus Syrien erkennt eine Schultasche. Joana aus Portugal zählt alle Kinder im Klassenraum. Teodoras aus Litauen erkennt den Computer. Er nutzt den Anfangssatz an der Tafel und versprachlicht richtig: „Ich sehe…Computer“. Andere Kindern nennen die Lernwörter und bilden mit meiner Hilfe erste Sätze. Sebaydhin geht zum Poster und zeigt auf einen Jungen. Er kann das Wort noch nicht aussprechen, möchte sich aber auch beteiligen. Ich spreche ihm das Lernwort deutlich vor und er spricht es nach.
Sprachlernklasse
Nachdem jedes Kind Bilder von dem Poster versprachlicht hat, schauen sie in ihre eigenen Schultaschen. Auf meine Fragen „Siehst du das Heft?“, „Zeige mir das Buch!“, „Findest du dein Etui?“ holen die Kinder ihre Materialien aus der Schultasche. Gleichzeitig hänge ich die großen Bildkarten mit den jeweiligen Abbildungen um das Poster herum und verschriftliche sie. Die Lernwörter werden im Anschluss noch einmal laut vorgesprochen und von den Kindern nachgesprochen. Die Übersetzung in die eigene Sprache darf dabei nicht fehlen. Am Ende der Unterrichtssequenz sind 12 Lernwörter an der Tafel zu sehen. Nun gehen die Kinder an ihren Arbeitsplatz zurück und übertragen die Lernwörter in ihr Bilderwörterbuch. Hier ist auch Platz, das Wort in der Herkunftssprache aufzuschreiben, wenn die Schüler schon schreiben können. Zu Hause sollen die Kinder die Wörter noch einmal lesen und sie können die Bilder anmalen.

Sprachförderunggruppe

Ein Blick in die Fördergruppe:

In der Fördergruppe arbeite ich mit fünf Kindern aus fünf verschiedenen Nationen: Syrien, Afghanistan, Litauen, Polen, Türkei. Alle Kinder sind im 2. Jahrgang, drei von ihnen waren ein Jahr in der Sprachlernklasse. Die Vokabeln aus dem Paket In der Schule sind weitgehend bekannt, große Schwierigkeiten bilden noch der korrekte Gebrauch der Präpositionen, die Satzbildung und das Leseverständnis. Heute arbeiten wir mit den Präpositionen. Zum Einstieg liegt auf dem Tisch das große Poster. Mit gezielten Fragen zu den Präpositionen beginnen wir die Stunde: „Wo ist der Tischtennisball?“, „Wer sitzt auf dem Fahrrad?“, „Wohin wirft der Junge im Rollstuhl den Ball?“ Anschließend werden die Kinder in zwei Gruppen aufgeteilt und arbeiten mit dem doppelt vorhandenen Spielplan „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Abwechselnd stellen sie sich gegenseitig die Fragen und kontrollieren die Antworten mithilfe der Rückseite des Spielplans. Dabei greife ich gegebenenfalls korrigierend ein.
Sprachförderung in der Fördergruppe

 

Nach dieser Spielphase erhalten die Kinder − je nach Leistungsstand − eines der Arbeitsblätter aus dem Handbuch. Entsprechend der Aufgabe müssen sie nun entweder die passenden Bilder ausschneiden und aufkleben, Sätze vervollständigen oder eigene Sätze mit Präpositionen schreiben.

Zum Abschluss der Stunde stellen die Kinder sich gegenseitig Handlungsaufgaben: „Edina, setz dich unter den Tisch!“, „Arda, stell dich hinter die Tür!“, Dennis, stell dich zwischen zwei Stühle!“….
 

Ein Blick in den Regelunterricht Deutsch, 4. Klasse:

In der Klasse 4a herrscht munteres Stimmengewirr. Nicht alles, was man hört, ist grammatikalisch korrekt. Der Wortschatz ist einfach. Die meisten der 16 Kinder sprechen zu Hause eine andere Sprache als Deutsch und haben Mühe, komplexere Sätze zu bauen. Heute steht deshalb eine Übungsstunde zum Thema „Relativsätze“ auf dem Plan. Nach einer inhaltlichen und organisatorischen Einführung im Plenum sitzen nun jeweils vier Kinder an Gruppentischen. Um ihnen die Bildung der Relativsätze zu erleichtern, habe ich auf jeden Tisch zwei zur Übung passende Mustersätze auf Papierstreifen gelegt.
„Die Person, die ich sehe, ist links neben der Post“, gibt Sadin vor. Seine drei Mitspieler schauen konzentriert auf den Spielplan „Ich sehe was, was du nicht siehst“. „Das ist der Feuerwehrmann!“, sagt Hassan schnell und gewinnt einen Jeton. Er darf nun das nächste Feld aussuchen und beschreiben.
Sprachförderung - Differenzierte Arbeitsblätter

Am nächsten Tisch wird Lotto gespielt. Ich habe die Bildkarten für Spiele (CD-ROM) in doppelter Ausführung auf dickes Papier kopiert und dann vier „Lottotafeln“ mit jeweils acht Bildern geschnitten. Alle Bilder gibt es auch als Einzelkarten. Sie liegen in der Mitte auf einem Stapel. „Wer hat einen Polizisten, der mit einem Jungen schimpft?“, fragt Melissa gerade und hält die gezogene Karte verdeckt. „Den habe ich“, ruft Nikolai und deckt erfreut ein weiteres Feld mit der Karte ab. 

Auf einem weiteren Gruppentisch liegt das große Erzählposter. Vier Kinder stehen davor und überlegen sich Fragen wie: „Wer sieht den Jungen, der ein Buch ausleiht?“ oder „Wo ist ein Junge, der telefoniert?“
Die Fragen werden auf Karteikarten geschrieben. Die Kinder bereiten ein Quizspiel für die Klasse vor, das sie in einer der nächsten Stunden an der Tafel präsentieren dürfen.

Die letzte Gruppe spielt das Würfelspiel „Quer durch das Thema“. Auf dem Spielplan liegen heute nur die roten und grünen Erzählsteine (Verben und Präpositionen). Wer auf ein Feld mit einem Stein kommt, dreht diesen um und bildet einen passenden Relativsatz (hohe Anforderung). So entstehen Sätze wie: „Der Mann, der eine Brille auf der Nase hat, tanzt“ oder „Der Teddy, der eine grüne Hose anhat, sitzt hinter dem Paket“. Alle Kinder arbeiten 45 Minuten lang mit großer Freude, konzentriert und immer sprachaktiv. 

 

Mit dem Unterrichtsmaterial Sprachbildung kompakt liegt ein systematisch klar strukturiertes Material vor, das wir in allen Gruppen einsetzen können.
Die Schülerinnen und Schüler arbeiten gerne mit dem Material, da es sehr kindgerecht und ihren Sprach- und Spielbedürfnissen entsprechend gestaltet ist. Durch den sich immer wiederholenden Wortschatz in allen Materialien bekommen sie schnell Sicherheit im Gebrauch des Wortmaterials und grundlegender Sprachstrukturen. Das Spielen in der Gruppe oder mit einem Partner fördert den selbstständigen Umgang mit dem Material. Gerne greifen sie auch in freien Arbeitsphasen darauf zurück. Seit wir mit Sprachbildung kompakt arbeiten, brauchen wir nicht mehr mühevoll unterschiedliche Materialien für den DaZ-Förderunterricht zusammenzusuchen, sondern haben mit dem Paket alles kompakt und systematisch aufeinander bezogen.
Besonders wichtig für unsere Arbeit sind die differenzierten Arbeitsblätter, mit denen sowohl Kinder arbeiten, die schon schreiben und lesen können, aber auch solche, die es noch lernen müssen. Mit den im Förderunterricht erarbeiteten Grundlagen können die Schülerinnen und Schüler auch während des Regelunterrichts selbstständig weiterarbeiten und bekommen so Anschluss an das Lernen in ihrer Klasse.

Sprachbildung kompakt

© Finken-Verlag, 2014
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Mehr Informationen zu Sprachbildung kompakt - In der Schule finden Sie hier:

Sprachbildung kompakt - In der Schule