Praxisbericht zur Unterrichtsreihe „Käpten Knitterbart und seine Bande“ aus Sprachlicher Anfangsunterricht Band 1

Piraten-EinheitIn der Fuchsklasse (1c) der Gemeinschaftsgrundschule Jahnschule sind die Piraten los! Abdul und Ugur ziehen abwechselnd Bilder aus einer mit Glitzerfolie beklebten Pappröhre. Grinsend erzählen sie sich dazu eine Piratengeschichte. Robin und Erkan haben verschiedene „Schätze“ aus der kleinen Holzkiste vor sich ausgebreitet und diskutieren angestrengt, ob es sich wohl um einen echten Edelstein handelt. Yusuf kaut auf seinem Bleistift, er entwirft gerade mit Milena eine Flaschenpost, die der entführten Molly zur Flucht verhelfen soll. Aus der „Piratenhöhle“ (der sonst eher lauten Bauecke) hört man nichts: Semih, Rohan, Marisa und Fathiya malen sorgfältig ihre Lieblingsszenen aus dem Bilderbuch „Käpten Knitterbart und seine Bande“ und kleben sie anschließend auf eine „Filmrolle“. Es herrscht geschäftige Betriebsamkeit, alle machen mit, alle sind eifrig am Werk. Das Piratenfieber hat uns gepackt!

Im Band 1 der Reihe Sprachlicher Anfangsunterricht mit dem Schwerpunkt „Lernvoraussetzungen feststellen und Unterricht gestalten“ findet sich ein Unterrichtsvorschlag zum Bilderbuch „Käpten Knitterbart und seine Bande“ von Cornelia Funke. „Käpten Knitterbart und seine Bande“ sind die schrecklichsten und gefürchtetsten Seeräuber der Weltmeere. Zur Mannschaft gehören unter anderem der Fiese Freddy, Säbel-Tom, der Kahle Knud, Harald - die Holzhand und der Bucklige Bill. Gemeinsam treiben sie ihr Unwesen, rauben und plündern. Eines Tages treffen sie auf Molly, die alleine in ihrem Bötchen zur Oma segelt, um dort die Ferien zu verbringen. Die Seeräuber wittern eine Chance. Sie kidnappen Molly, um Lösegeld zu erpressen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Molly ist selbstbewusst und schlau, sie lässt sich nicht einschüchtern und schreibt heimlich Flaschenpost, in der sie um Hilfe bittet. Und die kommt – und zwar in Form von Mollys Mama, der Wilden Berta. Zusammen mit ihrer Piratinnenbesatzung räumt sie bei Käpten Knitterbart und Co. so richtig auf und befreit Molly, die endlich, endlich zu ihrer Oma fahren kann.

Der unterrichtliche Umgang mit dem Bilderbuch ist in etwa so gedacht: Nach einer Einstimmung auf das Thema „Piraten“ lernen die Schülerinnen und SchüIer die Geschichte kennen. Sie untersuchen anschließend sprachliche Strukturen, indem sie erkunden, wie die Piratennamen konstruiert sind. In einem Stationenlernen werden zahlreiche unterschiedliche Hör-, Erzähl-, Lese- und Schreibaufgaben angeboten. Abschließend werden die Schülerinnen und Schüler angeregt, eigene Piratengeschichten zu schreiben.

Im Überblick:

1. Vorsicht Piraten! – Wir sammeln, was wir schon über Piraten wissen
(Sprechen und Zuhören, Schreiben)

2. Hey ho, hier kommen Käpten Knitterbart und seine Bande - Wir lernen die Geschichte kennen  (Lesen - Umgang mit  Texten und Medien)

3. Fieser Freddy und Kahler Knud – Wir erforschen die Piratennamen
(Sprache und Sprachgebrauch untersuchen)

4. Bucklig, kahl und fies – Wir finden heraus, was die Namen über die Piraten verraten
(Sprache und Sprachgebrauch untersuchen)

5./6.Gewitzt und gefährlich – Wir werden selbst Piraten und arbeiten an verschiedenen Piratenstationen (Lesen – Umgang mit Texten und Medien, Schreiben, Sprechen und Zuhören)

7. Volle Fahrt voraus! – Wir spielen und schreiben eine eigene Piratengeschichte (Schreiben)

 

Insgesamt wirbt der Finken-Verlag damit, dass mithilfe der angebotenen Anregungen und Materialien in den beiden Bänden Sprachlicher Anfangsunterricht sprachliches Lernen gemeinsam gestaltet werden kann – und zwar so, dass trotzdem individuelles Lernen möglich ist. Das hatte mich besonders interessiert, denn die Lernvoraussetzungen sind ja zu Beginn des ersten Schuljahres schon sehr verschieden und entwickeln sich im Laufe der Zeit immer weiter auseinander. Ein Umstand, eine Herausforderung, die alle Kolleginnen und Kollegen nur zu gut kennen. An der Jahnschule gibt es außerdem einen sehr hohen Anteil von Kindern, die zweisprachig aufwachsen und deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Seit dem Sommer 2012 unterrichten wir zudem Kinder mit besonderem Förderbedarf im Rahmen des „Gemeinsamen Lernens“. Zwei Aspekte, die die Spannbreite der vorhandenen Kompetenzen noch vergrößern.

Gerade diese unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten machen den Unterricht in der Grundschule einerseits spannend, stellen uns Lehrkräfte jedoch andererseits mitunter vor große, nicht selten unlösbare Aufgaben. Da ist es wirklich klasse, wenn angebotene Unterrichtshilfen und Materialien die Vielfalt der Lernvoraussetzungen von vorneherein mitbedenken. Die Unterrichtsideen zum Bilderbuch „Käpten Knitterbart und seine Bande“ im Handbuch Sprachlicher Anfangsunterricht Band 1" tun dies auf mehreren Ebenen. An einigen Beispielen möchte ich im Folgenden die Möglichkeiten zum gemeinsamen und doch individuellen Arbeiten vorstellen.

Motivation

Cluster-StationenarbeitAuf den ersten Blick dachte ich: Das ist doch viel zu schwer! Was soll denn dabei herauskommen? Das können viele meiner Schützlinge doch noch gar nicht. Aber gut, versuchen wir es mal… Zur Not muss man einfach was weglassen, wenn’s zu schwer wird… Doch schon beim ersten Kennenlernen von „Käpten Knitterbart und seiner Bande" waren die Füchse Feuer und Flamme. Sie waren begeistert von der Wildheit der Seeräuber, litten mit der entführten Molly und konnten ihre Freude über den Sieg der Wilden Berta nicht verbergen. Das Thema Piraten faszinierte sie – auch oder vor allem die Jungen – sofort und so nachhaltig, dass sich alle Kinder an neue und anspruchsvolle Aufgaben herantrauten, auch diejenigen, die im sprachlichen Bereich sonst große Schwierigkeiten haben.

Cluster

Ein Cluster hatten wir im bisherigen Deutschunterricht noch nie entworfen. Es war für alle neu, doch zum Thema Piraten war ja eine Menge zu sagen, zu schreiben und zu malen. Da wollte jeder mit dabei sein. Die Schülerinnen und Schüler hielten zusammen in ihrer Tischgruppe viele Ideen fest. Alle hatten das Gefühl beteiligt zu sein, jeder konnte mitmachen: etwas schreiben oder malen, eigene Ideen notieren oder mithilfe von anderen auf Ideen kommen. Durch die Arbeit in der Gruppe konnte jeder etwas beitragen. Die Cluster wurden am Ende an die Tafel gehängt und vorgestellt. Es war den Kindern deutlich, dass hier gemeinsam etwas geleistet wurde, zu dem jeder nach seinen Möglichkeiten einen wichtigen Teil dazugegeben hatte.

Stationen

Um die Stationen zu bearbeiten, hatte ich die Schülerinnen und Schüler in leistungsheterogene „Mannschaften“ eingeteilt. Mindestens ein „Lesepirat“ (ein lesestarkes Kind) sollte in jeder Mannschaft das Vorlesen der Arbeitsaufträge übernehmen. Alle sollten zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Es stellte sich heraus, dass für meine Schülerinnen und Schüler die Auftragskarten doch noch ein wenig zu schwer zu verstehen waren. Da musste ich viel helfen. Den meisten Mannschaften habe ich die Arbeitsaufträge vorgelesen, oder ich habe sie beim Erlesen unterstützt. Wenn der Arbeitsauftrag klar war, konnte die Gruppe selbstständig weiterarbeiten. Alle Aufgaben sind so gestellt, dass die Kinder auf ganz unterschiedlichen Lernniveaus im Sinne des Ziels arbeiten konnten. Die Aufgaben schätze ich durchweg als anspruchsvoll ein, sie sind aber mit vereinten Kräften zu lösen. Die Kinder waren so interessiert bei der Sache, dass sie sich gemeinsam „durchgebissen“ haben. Mitverantwortlich dafür ist sicherlich die hohe Attraktivität der Lernangebote (Aufgaben angeln, Geschichtenfernrohr, Schatzkiste, Flaschenpost). Aber auch in dieser Phase ist das Lernen so angelegt, dass jedes Kind sich in seinen Fähigkeiten ermutigt und angesprochen fühlt: Erzählen oder zum Buch zeichnen kann jeder nach seinen Möglichkeiten. Andere Aufgaben kann man gemeinsam lösen (Quiz) oder sich zuerst zusammen einen Plan machen (Flaschenpost schreiben), sodass auch hier jeder einbezogen werden kann.

Piratengeschichte

PriatengeschichtenDurch eine Vorlese- und Mitmachgeschichte werden die Schülerinnen und Schüler auf das Schreiben der eigenen Geschichte eingestimmt. Alle verwandelten sich in Piraten und spielten die Geschichte gerne mit, während sie vorgelesen wurde. Alle waren mit dabei, als es an die Aufgabe ging: eine Schatzkarte zeichnen und dann dazu die Piratengeschichte aufschreiben. Muhamet ist erst seit drei Monaten in Deutschland. Er verstand mithilfe einer Übersetzerin, worum es geht, konnte sich eine Geschichte ausdenken und sie zeichnen. Vita entwickelte zunächst sehr detailliert ihre Geschichte als Bild und schrieb sie dann auf. Rohan hatte gleich seine Geschichte im Kopf und hielt sich nicht lange mit dem Bild auf. Erkan beschäftigte sich ausgiebig mit dem Zeichnen der Schatzkarte. Er kennt noch wenige Buchstaben und schrieb dann auch nichts dazu – aber seine Geschichte war ja trotzdem da. Robin rang sich mit meiner Hilfe zwei Wörter ab „Schatz suchen“ – dies steht jetzt als Überschrift auf seinem Bild. Alle Geschichten wurden abschließend von mir abgetippt und jeweils zusammen mit dem Bild der Schatzkarte in einem Ordner („Unsere Piratengeschichten“) veröffentlicht. Dieser Ordner ist sehr begehrt und wird in freien Arbeitsphasen immer wieder gerne zur Hand genommen, zum Lesen, zum Blättern, zum Anschauen.

Weitere Hinweise

Das Handbuch von Sprachlicher Anfangsunterricht Band 1 "Lernvorraussetzungen feststellen und Unterricht gestalten" empfand ich als sehr übersichtlich. Die gegebenen Informationen sind so aufbereitet, dass ich mich schnell orientieren konnte. Besonders die Präsentation der Unterrichtsvorschläge in Tabellenform erleichterte mir die Arbeit. Die Materialien auf der CD sind durchweg für Kinder ansprechend gestaltet. Ich habe sie alle genau in der Form eingesetzt, habe aber eine Auswahl getroffen und z. B. beim Stationenlernen nicht alle Varianten und Differenzierungsangebote genutzt, um das Angebot für die Schülerinnen und Schüler übersichtlich zu halten.

Fazit

Ich habe mich durch die Unterrichtsvorschläge sehr gut darin unterstützt gefühlt, einen Unterricht anzubieten, der es allen Kindern in meiner Klasse ermöglicht hat, im Rahmen ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten produktiv zu werden.

Fotogalerie der Piraten

 

Ruth Stockmann, Grundschullehrerin in Bonn

Sprachlicher Anfangsunterricht© Finken-Verlag, 2014

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