„Sprachlicher Anfangsunterricht – Lesen und Schreiben“: eine gelungene Mischung aus Theorie und vielen umsetzbaren Praxistipps

Ich arbeite inzwischen seit über zwei Jahren als Klassenlehrerin einer jahrgangsgemischten Schuleingangsstufe. Durch die Herausforderung einer gelingenden Inklusion und den öffentlichen Diskussionen gerade im Bereich Anfangsunterricht „Lesen und Schreiben“ suchte ich nach Literatur, die leicht zugänglich aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse wiedergibt, und auf deren Hintergrund ich tägliche Routinen auf ihre Aktualität überprüfen kann. Diesen Wunsch erfüllte das Buch „Sprachlicher Anfangsunterricht. Band 2. Lesen und Schreiben“. Es ist verständlich geschrieben und bietet einen sehr guten Theorie-Praxis-Bezug, indem immer wieder praktische Unterrichtsanregungen auf verschiedenen Ebenen gegeben werden. So finde ich Methoden, die ich ritualisiert in den Unterricht einbinden kann, Anregungen zur Klassenraumgestaltung, aber auch ausführliche Beschreibungen von Unterrichtsreihen.

An vielen Stellen konnte ich mich und meinen Unterricht beim Lesen wiederfinden, Einiges war im Alltag in Vergessenheit geraten und andere Inhalte waren mir so nicht bewusst. Durch eine Reflexion ergaben sich neue Impulse für meine weitere Arbeit.

So ein neuer Impuls war das erste Kapitel über den Literacy-Erwerb und die Literacy-Bildung und deren Förderung durch Literacy-Boxen. Meine Schule liegt in einem eher bildungsnahen Umfeld und daher kommen viele Kinder mit den hier als notwendig beschriebenen Erfahrungen bereits in die Schule. Allerdings fielen mir auf Anhieb beim Lesen einige Kinder ein, die mit dem Förderbedarf „Sprache“ im Rahmen von Inklusion in meiner Klasse gefördert werden und denen genau in diesem Bereich Kompetenzen und damit notwendige Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb fehlen. Hinzu kommen einige Kinder mit Migrationshintergrund, die teilweise erst kurze Zeit in Deutschland leben und dringend sprachlicher Förderung bedürfen.

Das Drei-Säulen-Modell der Schriftbegegnung, „Schrift sichtbar machen“, „Mit Schrift handeln“ und „Schrift thematisieren“, rief bei mir Erinnerungen an mein Studium hervor und gerade bei den beiden ersten Säulen kann ich beruhigt sagen, dass die Kinder hier in meinem Klassenraum ausreichend Möglichkeiten finden. Die  dritte Säule ist in meinem Unterrichtsalltag eher in Vergessenheit geraten. Natürlich thematisiert man Schrift an verschiedenen Stellen, die sich im Unterricht ergeben. Aber wirklich systematisch geschieht dies nicht. Trotzdem bin ich der Meinung, dass gerade dann, wenn ich gezielt Schrift zum Gesprächsthema mache, Kinder angeleitet werden, sich wirklich intensiv mit Wörtern oder Sätzen auseinanderzusetzen, sich Wortbedeutungen zu erarbeiten und gleichzeitig Methoden kennen lernen, wie sie sich unbekannte Wörter aus dem Wort selber, aus dem Satz- oder Textzusammenhang oder auch mithilfe anderer Medien erschließen können. Das auf der CD angebotene Material zu den „Nachdenkwörtern“ und die Impulse „Viele Fragen“ waren für mich ein guter Einstieg in die Arbeit mit Wörtern. Da meine Klasse jahrgangsgemischt aus Erstklässlern und Zweitklässlern besteht, war es sehr spannend, die noch unbedarften und fantasievollen Ideen der Schulanfänger (seit 5 Wochen in der Schule) unterstützt durch viele Gesten konfrontiert mit den schon deutlich spracherfahrenen Gedanken der Zweitklässler zu sehen. Die spannenden Diskussionen endeten oft nicht nur mit gelungenen Erklärungen zu den Wortbedeutungen, sondern die Kinder entwickelten auch ein Gespür dafür, welche Wörter man „nur so sagt“ und welche geeignet sind, aufgeschrieben zu werden und in Geschichten verwendet zu werden.

Interessant finde ich die Hinweise auf die Klassenraumgestaltung im Hinblick auf Medien. Natürlich finden die Kinder in meiner Klasse, wie sicher inzwischen in jeder Klasse oder Schule, ein breites Angebot an Büchern. Aber sowohl was meine Klassenraumgestaltung als auch das Angebot unserer Schülerbücherei angeht, fehlen Angebote wie Hör-CDs, Hörbücher und CD- Rom- Spiele. Dies hängt natürlich zum einen mit der medialen Ausstattung der Schule zusammen. Während für jede Klasse noch etwa drei PCs zur Verfügung stehen, fehlt es an CD-Spielern und vor allem an Kopfhörern. Zum anderen ist aber auch der Verschleiß bei unsachgemäßem Gebrauch von CDs und DVDs größer. Trotzdem werde ich beim Förderverein anregen, eine Ausstattung in dieser Hinsicht zu unterstützen.

Auch aus meiner Erfahrung aus der Lehrerfortbildung heraus weiß ich, dass der Bereich Medien in vielen Kollegien noch immer eher ein Randthema ist, das aber mit den gegebenen Tipps stärker in den Mittelpunkt rücken kann und muss, da es die Lebenswirklichkeit der Kinder immer mehr beeinflusst und ein angemessener Umgang damit unumgänglich ist. Die erwähnten Ergebnisse der KIM-Studie (Kinder und Medien) unterstützt meinen Eindruck hier deutlich.

Socken-Whats-AppFür die Umsetzung des Schreibimpulses „Klassenpost“ haben die Kinder und ich einen „Socken-Briefkasten“ gestaltet. Jedes Kind hat eine Socke mit einer gestalteten Wäscheklammer an einer Leine als seinen persönlichen Briefkasten befestigt. Die Motivation sich gegenseitig Briefe zu malen und zu schreiben, ist auch nach einigen Wochen ungebrochen hoch und zeigt den hohen Aufforderungscharakter solcher Elemente in der Klassenraumgestaltung. Ein Kind hat meinen „Socken-Briefkasten“ übrigens liebevoll „Socken-Whats-App“ getauft.

Das Kapitel zum Schriftspracherwerb mit dem Erwerbsmodell und den damit verbundenen Strategien war verständlich formuliert und diente mir einfach als Auffrischung von bekanntem Wissen. Die Gedanken zum diktierenden Schreiben konnte ich sehr gut nutzen. Einer Schulanfängerin, die sich „sehr wünschte“ schon eine eigene Geschichte zu schreiben, die aber ihre Schreibkompetenzen noch deutlich überschätzte, bot ich an, ihre Geschichte einer Zweitklässlerin zu diktieren. Es war spannend, diesen länger andauernden Schreibprozess zu beobachten, die kleinen Diskussionen über Formulierungen und die passende Wortwahl zu verfolgen. Auch bei inhaltlichen Disputen ließ ich die beiden Mädchen gewähren. Am Ende stand eine fantasievolle Geschichte, die die beiden stolzen Autorinnen gemeinsam einem gespannt zuhörenden Publikum präsentierten und verdienten Beifall dafür ernteten. Und es gab zwei um viele Schreiberfahrungen und Schreibkompetenzen reichere Schülerinnen.

Gerade in Gesprächen mit Eltern kommt immer wieder die Frage auf, wie das denn nun mit dem Rechtschreibunterricht gerade im Anfangsunterricht sei. Angefeuert wurden diese oft kritischen Fragen zusätzlich durch die aktuellen Diskussionen zu diesem Thema in der Öffentlichkeit. Das Kapitel „Richtig schreiben – schon im Anfangsunterricht?“ beleuchtet nicht nur die fachlichen Hintergründe zum Aufbau einer Rechtschreibkompetenz, sondern verknüpft diese mit der praktischen Umsetzung in Form von Rechtschreibgesprächen und gibt darüber hinaus wertvolle Hinweise zur Vorbereitung solcher Gespräche. Dies ist eine Methode, die ich nach den ersten Schulwochen ritualisiert einmal wöchentlich mit Impulsen der Schüler in meinen Unterricht einbauen möchte.

Das Kapitel zum „Lesen“ ruft noch einmal ins Gedächtnis, wie komplex der Leseprozess eigentlich ist und wie viele Teilfertigkeiten auf den verschiedenen Ebenen notwendig sind, um Gelesenes wirklich zu verstehen. Die Hinweise, wie man Kindern durch die Wahl bzw. auch durch die Anpassung von Lesematerial auf Wort-, Satz- oder Textebene den Lesevorgang erleichtern kann, empfand ich als hilfreich vor allem für die Auswahl von geeignetem Übungsmaterial. Sie zeigten aber auch, wie leicht Kinder am Leseverständnis scheitern können, wenn Lesematerial falsch ausgewählt oder dargeboten wird. Gerade in der letzten Zeit wurde ich im Zusammenhang mit Leseverständnis und den damit verbundenen Schwierigkeiten im Bereich der Lehrerfortbildung mit dem Begriff „Leseflüssigkeit“ konfrontiert. Die Förderung dieser Fertigkeit erscheint mir im Bereich der Lehrerfortbildung mit meinem praxisorientierten Blick sehr wichtig und neben dem oben beschriebenen Rechtschreibgespräch werde ich die Methode des Tandemlesens für Kinder mit Schwierigkeiten in diesem Bereich ritualisieren.

Die beschriebenen Dimensionen der Lesekompetenz und der Lesemotivation verdeutlichen nicht nur die Vielschichtigkeit, sondern geben über praktische Anregungen hinaus auch noch für mich den Hinweis, bei Kindern mit Schwierigkeiten wirklich ganz genau hinzuschauen und die Ursache im Detail zu suchen.

Die elf Aspekte literarischen Lernens erinnerten mich an die große Bedeutung von Kinderliteratur im Anfangsunterricht und ermahnten mich, auch fächerübergreifend noch stärker vor allem Bilderbücher einzusetzen. Unter anderem setze ich die Unterrichtsreihe „Anton kann zaubern“ um und wurde von einer Kollegin darauf angesprochen, in wie kurzer Zeit sich der Wortschatz vieler Kinder in meiner Klasse zur Beschreibung von Gefühlen erweitert und differenziert hätte. Auch Diskussionen über treffende Ausdrücke für Gefühle in den dargestellten Situationen waren keine Seltenheit. Dies zeigte deutlich, wie die Kinder eine Vorstellung beim Hören und Lesen entwickelt haben, wie sie subjektiv involviert waren, wie genau sie sprachliche Gestaltungen wahrnahmen und ihre Wortwahl für Gefühle darauf bezogen und wie stark sie sich in die literarischen Figuren hineinversetzten.

Abschließend kann ich das Fazit ziehen, dass das Buch „Sprachlicher Anfangsunterricht. Band 2. Lesen und Schreiben“ eine kurzweilige Lektüre ist, die schnell und leicht zu lesen ist. Es bietet die Möglichkeit, den unterrichtlichen Alltag vor aktueller Theorie zu reflektieren, wobei viele, gut anwendbare praktische Beispiele den Weg von der Theorie in die Praxis sehr erleichtern. Dabei leisten die zusätzlichen Arbeitsblätter auf der CD eine wesentliche Hilfe bei der Vorbereitung und Planung vom Unterricht.

 

Christine Brüning, Grundschullehrerin

Sprachlicher Anfangsunterricht© Finken-Verlag

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