„Den Kindern das Wort geben“ - Gestalten eines prozessorientierten Schreibunterrichts

 

von Gisela Hissnauer und Christine Holder

„Den Kindern das Wort geben!“ forderte bereits Célestine Freinet. Doch wie können wir Unterricht gestalten, damit Kinder Raum haben, ihre eigenen Wörter zu finden? 

In den „Bildungsstandards Deutsch, Primarstufe“ wird formuliert, dass die Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Grundschulzeit über Schreibfähigkeiten verfügen sollen, richtig schreiben, Texte planen, schreiben und überarbeiten können. 

Um diese Kompetenzen entwickeln zu können, benötigen die Schülerinnen und Schüler eine entsprechende Lernumgebung. Im Klassenraum befindet sich eine Schreibecke, in der die Kinder an einem Schreibtisch arbeiten können. Es gibt eine vielseitige Auswahl an verschiedenen Papieren, Schreibwerkzeugen, Computer, eine alte Schreibmaschine, Druckkästen und vieles mehr. Die kleinen Autoren und Autorinnen finden in der Schreibecke vielfältige Schreibanlässe vor, wie Bilder, Fotos, Textfragmente, Erzählkisten u.Ä. Um diese sinnvoll nutzen zu können, finden im Unterrichtsalltag freie und gebundene Schreibzeiten Berücksichtigung. 

Damit Kinder die aufgeführten Kompetenzen entwickeln können, muss sich der Unterricht von einer reinen Produktorientierung hin zu einer Orientierung auf den eigentlichen Schreibprozess verändern. Ruth Culham formuliert folgende Kriterien eines prozessorientierten Schreibunterrichts:

In einem prozessorientierten Schreibunterricht 

  • arbeiten die Schülerinnen und Schüler auch in kleinen Gruppen zusammen;
  • arbeiten die Schülerinnen und Schüler an unterschiedlichen Aufgaben/Inhalten und unterschiedlichen Niveaus;
  • ermuntern die Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler, interessante kleine Geschichten zu schreiben;
  • wird der Text auch schon während des Schreibprozesses vorgestellt;
  • dient der Fehler dazu, um an ihm zu wachsen.
  • sind typische Fragen:

-Was könnte ich noch versuchen?
-Kannst du mir bitte helfen, ein Wort zu finden, das dies besser ausdrückt?
-Was würde passieren, wenn ich das … austausche?

Ruth Culham (2005). 6+1 Traits of Writing. Scholastic. (p.28)

Die Kinder haben in einem prozessorientierten Schreibunterricht die Gelegenheit, poetische, erzählende, appellative Texte zu verfassen. Dabei greifen folgende Teilprozesse des Schreibens ineinander (Bildungsstandards Deutsch für die Primarstufe):

Texte planen
Bevor die Schülerinnen und Schüler mit dem Verfassen eines Textes beginnen, klären sie die Schreibabsicht, die Schreibsituation, die Adressaten und den Verwendungszusammenhang. Als Hilfe sammeln sie sprachliche und gestalterische Mittel und Ideen, wie beispielsweise Wörter und Wortfelder, Formulierungen sowie verschiedene Textmodelle.

Folgende Verfahren unterstützen das Planen eines Textes:

  • Cluster
  • Themenkonferenz
  • gezielte Informationsbeschaffung im Internet, in der Bibliothek, durch Befragung …
  • Schreiben der Abfolge des Geschehens auf Erzählkarten und „Legen“ eines roten Fadens.

Texte schreiben
Die „Bildungsstandards Deutsch für die Primarstufe“ formulieren u.a., dass Kinder verständlich, strukturiert, adressaten- und funktionsgerecht schreiben können müssen. Sie schreiben Erlebtes und Erfundenes, Gedanken wie auch Gefühle, Bitten, Wünsche, Aufforderungen sowie Vereinbarungen auf. Kinder halten ihre Erfahrungen, Sachverhalte und Lernergebnisse geordnet fest und verwenden diese auch für eine Veröffentlichung. Nach Anregungen (Texte, Bilder, Musik) schreiben sie eigene Texte und verfassen in unterschiedlichen Schreibsituationen verschiedene Textsorten.Es werden keine Textformen „eingeübt“, sondern Kinder schreiben in alltäglichen Situationen, sie erzählen, schreiben sachbezogene, appellative und poetische Texte.
Im Unterricht haben sie die Gelegenheit, ihre Texte mit verschiedenen Medien (beispielsweise Computer, Schreibmaschine, verschiedene Schreibwerkzeuge …) zu verfassen.

Texte überarbeiten 
Dieser Teil des Schreibprozesses stellt an die Kinder besondere Herausforderungen. Sie müssen in dieser Phase Texte

  • an der Schreibaufgabe überprüfen,
  • auf Verständlichkeit und Wirkung überprüfen,
  • in Bezug auf die äußere und sprachliche Gestaltung und auf die sprachliche Richtigkeit hin optimieren,
  • für die Veröffentlichung aufbereiten und diese mit Schrift gestalten.

Jetzt benötigen die Kinder Zeit und Inseln im Unterrichtsalltag, um über das Geschriebene nachzudenken und darüber zu sprechen. Sie reflektieren ihr Schreibmotiv und ihre Schreiberfahrungen. Um Texte zu überarbeiten ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler Hilfe und Unterstützung von Mitschülerinnen und/oder Lehrkräften, pädagogischen Kräften erhalten. 

 Den Kindern sollte Raum für das „Sagen und Fragen“ gegeben werden. Das „Sagen und Fragen“ ist eine Methode des kooperativen Schreibprozesses. Es finden Lerngespräche zwischen Lehrerin und Kind über seinen Text oder Lerngespräche mit Mitschülerinnen und Mitschülern statt. In diesen kritisch konstruktiven Gesprächen wird das Gelungene festgestellt und offen gebliebene Fragen zum Text formuliert. Diese Gespräche sind wiederum Ausgangspunkt für das weitere Lernen des Kindes. 

Methoden des Sagens und Fragens

Fragen an die Schreibkonferenz

Im Rahmen einer Schreibkonferenz können die Kinder Fragen zum Text stellen, wie beispielsweise:

  • Macht die Überschrift neugierig?
  • Ist die Geschichte verständlich?
  • Ist der Inhalt stimmig?
  • Ist die Sprache lebendig?
  • Sind die Ausdrücke treffend?
  • Gibt es Verständnisprobleme? 
  • ...

Die Zuhörer, die Zuhörerinnen haben die Möglichkeit, aus verschiedenen Fragekarten eine als Impuls auszuwählen und die Frage an die anderen Zuhörer zu stellen. Die Kinder beantworten die gestellte Frage und machen ggf. konkrete und konstruktive Verbesserungsvorschläge. Der Autor, die Autorin des Textes entscheidet, ob er bzw. sie die Vorschläge annehmen möchte. 

Textlupe
Das Kind wählt eine bestimmte Stelle seines Textes aus, die es überarbeiten möchte. Seine Mitschülerinnen, Mitschüler geben gezielte Veränderungsvorschläge. Das schreibende Kind kann daraufhin eine Textoptimierung vornehmen, muss allerdings die Änderung begründen.

Über den Rand schreiben
Das Autorenkind klebt seinen Text (DIN A4) auf ein größeres (DIN A3) Papier und gibt ihn an einzelne Kinder oder eine Gruppe, die den Text kritisch lesen. Diese schreiben an bestimmte Textstellen ihre Kommentare. In einer sich anschließenden Schreibkonferenz kann die Autorin, der Autor zu den Kommentaren nachfragen und (gemeinsam mit den Kommentierenden) den Text überarbeiten.

Checklisten
Gemeinsam entwickelte Checklisten helfen den Kindern, an wichtige Kriterien zu denken und diese während des gesamten Schreibprozesses zu beachten. Diese erarbeiteten Kriterien sind für alle verfügbar. Mögliche Kriterien sollten sich auf folgende Aspekte beziehen:

  • Gesamteindruck: Passung zum Schreibziel, Angemessenheit
  • Inhalt
  • Aufbau
  • Formulierungen und Stil
  • Sprachliche Richtigkeit
  • Darstellung

Texte präsentieren
Diese Phase des Schreibprozesses ist für die Schülerinnen und Schüler bedeutsam, da ihre Texte durch die Präsentation gewürdigt werden können. Neben dem Vorlesen des Textes kann man in der Klasse auch eine Textvernissage durchführen. Eltern, Parallelklassen, Schulgemeinschaft werden eingeladen und lesen die ausgestellten Texte oder nehmen an einer Lesung teil. 

Texte können als Bücher gebunden werden und in die Klassenbücherei aufgenommen werden. Für die Kinder bedeutsame Texte bewahren sie in ihrem Portfolio, in ihrer „Schatzkiste“ auf. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass Texte auf der Schulwebsite veröffentlicht werden. 

In einer Schule, die sich auf den Weg gemacht hat, um eine „Lese- und Schreibkultur“ zu entwickeln, erhalten die Kinder Zeit und Raum, um ihre eigenen Worte zu finden.

Kinder benötigen Zeit …

  • um eigene Schreibideen zu entwickeln!
  • um sich über ihre Schreibideen auszutauschen!
  • um sich zum Thema zu informieren!
  • für Schreibkonferenzen!
  • um über ihre Texte nachzudenken!
  • zum Austausch über ihre Texte!
  • zum Präsentieren ihrer Texte!
  • … 

 

Der Schreibprozess

Helfende Fragen:
1. Planung

Zeit, nachzudenken 

  • Was möchte ich sagen?
  • Wie möchte ich es sagen?
  • Wer liest meinen Text? 
  • Was brauche ich, um anzufangen?
  • Mit wem kann ich über meine Ideen sprechen?

2. Verfassen

Zeit, den Text zu schreiben 

  • Welche Ideen möchte ich entwickeln?
  • Sind meine Gedanken strukturiert?
  • In welcher Reihenfolge möchte ich sie aufschreiben?
  • Wer kann meinen Text lesen und mir Rückmeldung geben / Unterstützung anbieten?


3. Revision

Zeit, meinen Text zu überarbeiten

  • Habe ich meinen Text gelesen?
  • Sind die Details eindeutig?
  • Hat mein Text einen roten Faden?
  • Soll ich Teile hinzufügen oder Teile entfernen?
  • Habe ich die besten Ideen und Wörter verwendet?
  • Welche Vorschläge haben mir andere gemacht?

4. Überarbeitung

Zeit, meinen Text zu korrigieren

    • Habe ich ganze Sätze geschrieben?
    • Ist meine Rechtschreibung, Großschreibung, Zeichensetzung korrekt?
    • Habe ich notwendige Korrekturen gekennzeichnet?
    • Hat jemand meinen Text geprüft?
    • Habe ich eine korrekte und saubere Kopie?
      • Soll ich meinen Text illustrieren und gestalten?
      • Soll ich meinen Text als Buch binden?
      • Soll ich meinen Text laut vorlesen?
      • Soll mein Text in die Klassenraumbücherei aufgenommen werden?
      • Möchte ich meinen Text szenisch darstellen?

5. Veröffentlichung

Zeit, die anderen an meinem Text teilhaben zu lassen

Christine Holder ist Referentin Primarstufe am Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz.
Gisela Hissnauer ist Fachleiterin für Grundschulpädagogik am Staatlichen Studienseminar für Grund- und Hauptschulen Rohrbach.


© Finken-Verlag, 2012
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