Werkstattunterricht

Christine Holder und Gisela Hissnauer


Was versteht man unter dem Begriff Werkstattunterricht?

Werkstattunterricht ist eine Form des offenen Unterrichts. Er versteht sich als ergänzende Alternative zum traditionellen lehrerzentrierten Unterricht. Konkrete Vorformen des Werkstattunterrichts finden sich bereits in der Reformpädagogik. Bedeutende Vertreter sind beispielsweise Georg Kerschensteiner (Schule der Selbsttätigkeit), Peter Petersen (Jena-Plan) oder Celestin Freinet (ateliers).

Der Pädagoge, der mit dem Werkstattunterricht aktuell in Verbindung gebracht wird, ist Jürgen Reichen. Er definiert Werkstattunterricht wie folgt:

„Eine Lernwerkstatt ist eine Lernumwelt. Den Schülern steht zu einem bestimmten Thema ein vielfältiges Arrangement von Lernsituationen und Lernmaterialien für Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit zur Verfügung. Dabei lassen sich die Lernangebote in der Regel im Selbststudium nutzen und ermöglichen dem Schüler die freie Wahl der Aufgabenfolge, Zusammenarbeit mit Kameraden, Selbstkontrolle u.ä.m. Im Werkstattunterricht wird nicht lektionsweise mit einer Klasse in einem Fach gearbeitet, sondern in Zeitblöcken, individualisiert und oft fächerübergreifend.“ (Reichen,J.: Sachunterricht und Sachbegegnung, S. 61)

Welche pädagogischen Ziele werden mit der Werkstattarbeit verfolgt?

Werkstattunterricht heißt für das Kind, dass es

  • lernt, sich selbsttätig mit Themen und Inhalten auseinander zu setzen.
  • neue bedeutsame Inhalte kennen lernt und eigene Themen einbringen kann.
  • lernt, wie es sich diese Inhalte aneignen, sie dokumentieren und präsentieren kann.
  • individuell, aber auch in Kooperation mit anderen arbeiten kann.
  • seine persönlichen Fähigkeiten wahrnimmt und diese erweitert.

Gibt es verschiedene Formen von Werkstattunterricht?

Der Werkstattunterricht kann als ausschließliche Unterrichtsform bestehen. Unterschiedlich können Inhalt, Form, Angebotsfülle und die jeweilige Arbeitsdauer sein:

  • Inhalt

Angebote sind an ein bestimmtes Thema gebunden, können einem umfassenden Stoffgebiet entnommen sein mit unterschiedlichen Inhalten oder auch als Mischformen vorkommen.

  • Form 

Die Verknüpfung mit anderen Unterrichtsformen (z.B. Wochenplanarbeit), die Bearbeitung der Angebote in einer bestimmten Reihenfolge wie auch Werkstattarbeit als freiwilliges Ergänzungsangebot sind mögliche Formen.

  • Zeit

Zeitliche Varianzen von einer Stunde täglich, wöchentlich einem Tag bis hin zu ein bis zwei Wochen am Stück.

Was ist bei der Auswahl der Angebote zu beachten?

Den Schülerinnen und Schülern stehen zahlreiche und vielfältige Lernmaterialien und –situationen zur Verfügung. Sie wählen Angebote aus und bearbeiten diese nach ihrem individuellen Lerntempo, ihren Lerninteressen aus und entscheiden sich für die geeignete Sozialform.

Die Auswahl der Lernangebote soll:

  • vielfältig sein,
  • unterschiedliche Anforderungsniveaus beinhalten,
  • differenziert sein,
  • den Anforderungen der Teilrahmenpläne und Lehrpläne entsprechen,
  • die Interessen der Kinder berücksichtigen,
  • didaktisch begründet sein,
  • ein Mehrkanallernen ermöglichen,
  • verständliche Arbeitsaufträge beinhalten,
  • möglichst selbstständig bearbeitet werden können,
  • einen handelnden Umgang ermöglichen,
  • übersichtlich und ansprechend präsentiert werden,
  • den Schwierigkeitsgrad erkennen lassen,
  • Selbstkontrolle ermöglichen,
  • Gesprächsanlässe bieten,
  • Sprechzeiten einräumen,
  • neue Lernanreize bieten.

Wie soll Werkstattarbeit durchgeführt werden?

  1. Verhaltensregeln kennen und anwenden können.
    Zu Beginn der Werkstattarbeit grundlegende Verhaltensregeln diskutieren und entsprechende Vereinbarungen ableiten.
  2. Sozialformen
    Einüben von Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit
  3. Kompetenzdelegation
    Schülerinnen/Schüler übernehmen Aufgabenbereiche, die zeitlich
    begrenzt sind und die Lehrerinnen/Lehrer entlasten
    (Korrekturbüro, Computer-Chef, Lese-Chef, etc. ).
  4. Transparenz über Lernangebot und Aufgabenkompetenz
    Den Schülerinnen und Schülern muss die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit deutlich werden.
  5. Richtig starten. Den Beginn nicht überfrachten; bekannte Aufgaben verkürzen
    die Erklärungsphase
  6. Gemeinsame Tätigkeiten zu Beginn, am Ende oder als
    Unterbrechung der Arbeitsphase lockern auf.
  7. Richtig aufhören impliziert das gemeinsame Aufräumen
    und die gemeinsame Auswertung der Arbeitsergebnisse.

Welche Rolle übernimmt die Lehrerin/der Lehrer während der Werkstattarbeit?

Die Rolle des Lehrers, der Lehrerin konzentriert sich überwiegend auf Beobachten, Ermuntern, Bestärken und Bestätigen, Verstehen von Schwächen, Unterstützen von Stärken, Anspornen und Fördern. Schülerinnen uns Schüler erhalten aber immer dann Hilfe, wenn ihr Lernprozess unterbrochen und wieder in Gang gesetzt werden muss. Es ist dies deshalb stets im entsprechenden Einzelfall abzuwägen.
Eine wesentliche Aufgabe beinhaltet eine gewissen Vorstrukturierung des Inhalts ebenso wie Überlegungen hinsichtlich der Bedeutung des Bildungsgehaltes für die Schülerinnen und Schüler wie auch die Möglichkeiten einer sinnvollen Präsentation.


Christine Holder ist Referentin Primarstufe am Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz.

Gisela Hissnauer ist Fachleiterin für Grundschulpädagogik am Staatlichen Studienseminar für Grund- und Hauptschulen Rohrbach.


© Finken-Verlag, 2010

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlags.